Gaswerk Ost

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Der Erweiterungsbau des Gaswerks im Jahr 1957; links ist noch die alte Anlage mit der Schrägkammeröfen zu erkennen
Die erhaltenen Gebäude des Gaswerk Ost neben dem Skaterplatz im Ostauepark
Eines der Gates bei der Funnel & Gate-Entgiftung
Blick auf ein im Juli 2011 noch vorhandenes Gleisstück, mit dem das Gaswerk ursprünglich an das Bahnnetz angeschlossen war
Noch ein Blick im Juli 2011 entlang des alten Gleisanschlusses des Gaswerks

Das Gaswerk Ost wurde 1885 gebaut und 1886 in Betrieb genommen. Es befand sich direkt südwestlich des Geländes des Messplatzes und südlich des Schlachthofes und versorgte zunächst in Kombination mit dem ersten Gaswerk westlich des Mühlburger Tors die Stadt Karlsruhe mit Stadtgas. Da die Gaserzeugung durch Kohlevergasung entstand, wird ein Gaswerk auch Kokerei genannt, da beim Gasentstehungsprozess viel Koks als Nebenprodukt anfällt.

Das Gaswerk wurde bis 1965 betrieben, dann stillgelegt und abgerissen. Seit 1965 bezieht Karlsruhe ausschließlich Erdgas, bis 1972 noch angereichert um Gas aus den beiden Raffinerien am Rhein.

Geschichte

Im neu gebauten Gaswerk wurde zusätzlich eine Versuchsanstalt errichtet, in der das Engler-Bunte-Institut der ehemaligen Technischen Hochschule Karlsruhe seine Grundlagenforschungen betrieb.

Der Kohleverbrauch lag im Jahr 1907 bei 45.477 Tonnen.

Im Jahr 1914 wurde überlegt, das erste Gaswerk zu schließen und ein neues am Rheinhafen zu bauen. Der Hauptvorteil wäre hierbei gewesen, dass die zur Gasgewinnung erforderliche Kohle direkt am Rheinhafen per Schiff hätte angeliefert werden können. Allerdings hätte durch entsprechende bauliche Maßnahmen sichergestellt werden müssen, dass die Hochwassergefahr am Rhein ausgeschlossen wäre, um die Gasversorgung nicht zu gefährden. Der allein dafür notwendige Investitionsaufwand hätte die Ersparnis der Kohleanlieferung an das Gaswerk Ost aber nicht aufwiegen können. Deshalb wurde neben dem bereits bestehenden zweiten Gaswerk ein neues Werk gebaut und am 21. August 1916 in Betrieb genommen. Das neue Werk mit der sogenannten Schrägkammerofenanlage konnte täglich 100.000 Kubikmeter Gas erzeugen und bestand aus zwölf Öfen mit jeweils vier Kammern. Das Werk wurde über die Badische Hauptbahn mit Kohle beliefert und verfügte über eine Kohlelagerkapazität von 24.000 Tonnen Kohle.

Als im September 1916 das neue Gaswerk mit 20 Kammern in Betrieb war, konnte das alte zweite Gaswerk außer Betrieb genommen und abgerissen werden. Am 6. Januar 1917 kam schließlich auch für das erste Gaswerk an der Kaiserallee das Ende und es wurde abgeschaltet und größtenteils zurückgebaut.

Erweiterungen des Gaswerks von 1917 bis 1965

Ab Juli 1919 verfügte das Werk über eine werkseigene Dampflokomotive, die als Rangierlok eingesetzt und von der Maschinenfabrik „O & K (Orenstein und Koppel – Arthur Koppel)“ in Berlin-Drewitz gebaut wurde. In besonders ausgelasteten Zeiten wurden bis zu 70 Zugfahrten absolviert, um alle Öfen mit Kohle beliefern zu können.

Zu Beginn des Gaswerkbetriebs bestand noch das Problem, dass mit einem aus dem Kohlevergasungsprozess anfallenden Abfallprodukt, dem Koks, keine Abnehmer gefunden werden konnten. Dies änderte sich im Laufe der Zeit und die Karlsruher und weitere Abnehmer nahmen den entstehenden Koks zu Verbrennungszwecken gerne an. Allerdings forderten sie eine Qualität in Bezug auf den Brennwert, welcher dem des Kokses aus dem Ruhrgebiet vergleichbar sein sollte. Um diese bieten zu können, musste eine andere Kohlensorte verwendet werden.

Bislang fand die so genannte „Gaskohle“ Verwendung, die aus dem Saarland stammte, weil sie im Vergleich zu anderen Kohlen einen verhältnismäßig hohen Gasanteil aufwies. Sie wurde ab 1927 durch „Kokskohle“ ersetzt wurde, welche aus dem Ruhrgebiet stammte jedoch einen geringeren Gasertrag lieferte.

Aus einer Tonne Ruhrkohle konnten 230 Kubikmeter Gas gewonnen werden, aus einer Tonne im Eschweiler Revier[1] lediglich 118 Kubikmeter Gas. Mit der „Gaskohle“ aus dem Saarland konnten hingegen 320 Kubikmeter Gas hergestellt werden, die aber die zuvor erwähnte schlechtere Koksqualität erbrachte.

Um also den Koksabnehmern die höhere Qualität bieten und die schlechtere Gasausbeute in Kauf nehmen zu können, wurde das Gaswerk erweitert und am 5. Oktober 1927 fünf weitere Öfen mit jeweils fünf Kammern in Betrieb genommen. Verwendet wurde dabei eine Mischung verschiedener Kohlesorten, um in Bezug auf Gas- und Koksertrag ein gutes Resultat erzielen zu können.

Im Jahr 1934 verfügte das Werk über insgesamt 79 Kammern. Damit konnten bei Volllastbetrieb pro Tag 150.000 Kubikmeter Gas erzeugt werden. Diese Menge reichte aus, um auch Ettlingen und das im Jahr 1938 zwangsweise eingemeindete Hagsfeld mit Stadtgas versorgen zu können.

Vergleicht man den Pro-Kopf-Verbrauch von 1934 mit dem 90 Jahre zuvor bei Beginn der Stadtgaserzeugung, so lag er nun um das 16fache höher.

Im Jahr 1934 erreichte das Werk einen Jahresumsatz in Höhe von 4,3 Mio. Reichsmark. 2,6 Mio. Reichsmark davon entfielen auf den eigentlichen Verkauf des Stadtgases, während der Rest in Höhe von 1,1 Mio. Reichsmark auf den Verkauf der Nebenprodukte und 0,5 Mio. Reichsmark auf sonstige Einnahmen entfielen.

Die gezahlten Löhne und Gehälter betrugen dabei 1,2 Mio. Reichsmark und 1,3 Mio. Reichsmark entfielen auf die eigentliche Kohlebeschaffung.

In Karlsruhe wurden in diesem Jahr die Straßen und Plätze mit 3.282 Gaslaternen erleuchtet, wovon 3.131 Gaslaternen über eine Fernzündung verfügten.

Im Jahr 1935 wurden im Werk 151 Arbeiter, zehn Lehrlinge und 24 Beamte beschäftigt.

Ende des Jahres 1935 wurden in 37 Kammern täglich 235 Tonnen Kohle verbraucht, um daraus 75.000 Kubikmeter Gas herstellen zu können. Die Gesamtkohlemenge wurde gemischt und setzte sich zusammen aus 155 Tonnen Kohle aus Eschweiler, 30 Tonnen Ruhrkohle und 50 Tonnen Saarkohle. Damit erzeugte man harten Koks mit einem niedrigen Aschegehalt und einem niedrigen Entzündungspunkt.

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Werk und war an dessen Ende zu rund 40 Prozent zerstört. Trotz dieser Zerstörungen wurden zwei Öfen am Laufen gehalten, wodurch eine Notversorgung mit Stadtgas weiterhin gegeben war. Zu Beginn der Besatzungszeit konnte dieses jedoch nur stundenweise angeboten werden. Der Wiederaufbau des Werks wurde unmittelbar nach Kriegsende vorgenommen. Am Kriegsende lag die erzeugte Jahresgasmenge bei fünf Mio. Kubikmeter. Im Jahr 1946 wurden bereits wieder 18 Mio. Kubikmeter Gas erzeugt. Im Jahr 1948 lag die Produktion bereits auf dem Niveau der Vorkriegsproduktionsleistung. 1950 wurden 41 Mio. Kubikmeter und 1956 schon 58 Mio. Kubikmeter Stadtgas hergestellt.

Im Jahr 1957 verfügte das Gaswerk über 17 Gaserzeugungsöfen mit 85 Kammern, die täglich maximal 230.000 Kubikmeter Gas produzieren konnten.

Die Kohlelieferungen erfolgten ausschließlich auf dem Schiffsweg und wurden im Rheinhafen angeliefert. Dort erfolgte eine Umladung in Güterzüge, welche wiederum das Werk anfuhren. Eine Ausnahme bildete der geringe Anteil der Gaskohle aus dem Saarland: Sie wurde direkt auf der Schiene angeliefert.

Im südlichen Bereich des Werks bestand eine Kohlelagerkapazität von bis zu 15.000 Tonnen Kohle. Die Entladung der Kohle erfolgte per Wagenkipper, auf dem ein kompletter Güterzugwaggon gekippt werden konnte und mittels eines Verladekrans, der die Kohle mit seinen sogenannten Greiferkatzen entladen konnte.

Der Lagerplatz für den entstehenden Koks bot eine Kapazität von 10.000 Tonnen. Das Werk konnte pro Stunde 40 Tonnen Koks verarbeiten, sodass die Koksproduktion von rund zehn Arbeitstagen gelagert werden konnte. Zusätzlich bestand die Möglichkeit, bei Bedarf weitere 5.000 Tonnen auf den Lagerflächen des Betriebsgeländes bereitzustellen.

Stilllegung des Gaswerks 1965

Die Erzeugung von Gas durch Kohlevergasung wurde zunehmend unwirtschaftlich. Zum einen bot sich die Lieferung von Gas aus den beiden Raffinerien am Rhein an, zum anderen wurden große Erdgasvorkommen in Norddeutschland und Holland entdeckt und ausgebeutet, die durch die Ruhrgas AG ab 1965 nach Karlsruhe geliefert wurden. Diese Form der Gasgewinnung war weitaus wirtschaftlicher als der Betrieb von Kohlezechen und der Transport großer Kohlemengen. Deshalb wurde die Stadtgaserzeugung zum 30. Juli 1965 eingestellt.

Im Stadtarchiv Karlsruhe wird eine Akte aufbewahrt, in der auch eine Gesamtbilanz aus beinahe 120 Jahren Stadtgaserzeugung enthalten ist:

  • 1.700 Mio. Kubikmeter erzeugtes Stadtgas
  • 4,3 Mio. Tonnen entgaste Kohle
  • 3,4 Mio. Tonnen erzeugter Koks
  • 160.000 Tonnen erzeugter Teer
  • 21.000 Tonnen erzeugtes Benzol
  • 12.000 Tonnen erzeugtes Sulfat[2]

Im Jahr 1966 war das Gaswerk abgebrochen. Das Gelände wurde für verschiedene Anwender aufgeteilt. Ein Viertel des Geländes wurde von den VBK als Abstellfläche für ihre Busse verwendet. Ein Teil wurde vom Tiefbauamt verwendet, rund ein Drittel wurde für die Gasversorgung und Speicherung benötigt und andere Teile für andere Zwecke der Stadtwerke.

Lage des ehemaligen „Gaswerks Ost“

Senkrechte Installation eines Aktivkohlebehälters im Boden im Rahmen des „Funnel-and-Gate“ Verfahrens

Dieser Ort im Stadtplan:

Andauernde Umweltbelastung durch das ehemalige Gaswerk

Beim Standort des ehemaligen Gaswerks wurden Boden- und Grundwasserbelastungen durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und Benzol festgestellt. Zur Sanierung wurde im Juli 2000 der Grundwasserstrom durch eine ca 240 m lange wasserundurchlässige Spundwand abgetrennt und das Grundwasser durch acht mit Aktivkohle gefüllte Bohrungen mit einem Durchmesser von ca. 2,5 m innerhalb der Spundwand geleitet und gereinigt. Die angewandte Methode wird „Funnel-and-Gate-Verfahren“ genannt und wurde als innovatives Sanierungsprojekt vom Land Baden-Württemberg gefördert. Zum Einsatz kommen hierbei Aktivkohlefilter, die etwa alle 5 bis 7 Jahre ausgetauscht werden müssen[3].

Es wird damit gerechnet, dass die Reinigung des Untergrundes bis zu 50 Jahre dauern kann.

Bilder

Literatur

  • „Vom Stadtgas zum Erdgas“ – Aufbau der Karlsruher Gasversorgung, Herausgeber: Stadtwerke Karlsruhe GmbH als Begleitbroschüre zur Ausstellung „Karlsruhe gibt Gas – Vom Stadtgas zum Erdgas“ im Stadtmuseum Karlsruhe vom 18. März bis 19. Juni 2011

Weblinks

Fußnoten

  1. Ein Kohlegebiet östlich von Aachen gelegen
  2. Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Sulfat“
  3. Sanierung des ehemaligen Gaswerkes Karlsruhe-Ost mit funnel and gate
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