Winold Reiss

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Winold Reiss (* 16. September 1886 in Karlsruhe; † 29. August 1953 in New York City, USA) war ein Karlsruher Maler, der als Indianermaler bekannt ist.

Leben und Wirken

Jugend in Karlsruhe

Winold Reiss wurde am 16. September 1886 in Karlsruhe geboren. Sein Vater Fritz Reiss (1857–1916) verdiente als Landschaftsmaler seinen Lebensunterhalt. Eines seiner prägensten Erlebnisse in der Jugend war der Besuch des legänderen Buffalo Bill, der mit seiner berühmten Wild-West-Show in der Südstadt gastierte. Der kleine Winold ist von den Indianern begeistert. Eine Begeisterung, die ihn zeitlebens nicht mehr verlassen sollte. Früh war klar: Er will zu den Indianern! Im Atelier des Vaters begannen auch Winold und sein Bruder Hans ihre ersten künstlerischen Versuche. 1899 zieht die Familie nach Kirchzarten. Die Naturlandschaft des Schwarzwaldes bietet Fritz Reiss die geeigneten Motive für seine Malerei. Und er findet genug Zeit, seinen Söhnen eine erste künstlerische Ausbildung zu vermitteln. Beide haben das Talent des Vaters geerbt.

Ausbildung in München

Als sein Vater ihm künstlerisch nichts mehr beibringen kann, geht er 1911 zur Kunstgewerbeschule nach München. Außerdem studiert er bei den berühmten Maler Franz von Stuck "Portraitmalerei". (Stuck war Professor an der Akademie und unterrichtete unter anderem Wassily Kandinsky, Paul Klee, Josef Hengge, Georges Kars, Paul Stollreither und Heinrich Strieffler). In München verliebt sich Reiss in die Engländerin Henrietta Lüthy, die er ein Jahr später heiratet. Die Weichen scheinen gestellt – Winold Reiss gründet eine Familie und wird seßhaft. Das jedenfalls wünschen sich seine Frau und seine Eltern. Ein Wunsch, den Winold vielleicht erfüllt hätte – wären da nicht die Indianer gewesen und sein Wunsch, endlich eine "Rothaut" zu malen. Logische Konsequenz: Gegen den Widerstand seiner Eltern emigriert Winold Reiss allein in die Vereinigten Staaten.

Schwere Anfänge in der Neuen Welt

Mit der SS Imperator verläßt er am 22. Oktober 1913 den Hamburger Hafen. Schon an Bord knüpft Reiss die ersten geschäftlichen Verbindungen, so trifft er unter anderem den Besitzer des Restaurants "Crillon" (die Innenausstattung für dieses Restaurant sollte Reiss sechs Jahre später den künstlerischen Durchbruch bringen). Der Emigrant hat es schwer, seinen Unterhalt zu verdienen. Die USA haben dem kaiserlichen Deutschland den Krieg erklärt; Deutsche werden in jener Zeit für Spione gehalten. Außerdem muß er enttäuscht feststellen: in New York gibt es kaum Indianer. Seine wirtschaftliche Lage verschlimmert sich, als im April 1914 seine Frau mit dem inzwischen geborenen Sohn Tjark nachkommt. Da das Leben in der Stadt zu teuer ist, zieht er mit seiner Familie auf Land, nach Woodstock. Hier, auf dem Land, hofft Reiss endlich auf "richtige" Indianer zu treffen. Allmählich wird ihm jedoch klar, daß er dafür weit in den Westen reisen muß. Noch fehlen ihm dazu die Mittel. Deswegen nimmt er jede Möglichkeit wahr, um Geld zu verdienen: Er malt Landschaften und Porträts – wie er es zu Hause im Schwarzwald gelernt hat. Er entwirft Buch- und Zeitschriftencover genauso wie Tapeten und Bühnendekorationen. Wie er mit den unterschiedlichsten Materialien umgehen muß, hat er an der Münchner Kunstgewerbeschule gelernt. Und er wagt sich an neue Aufgaben: er gestaltet Werbeflächen. Einen Namen macht sich Reiss zunächst nur als Innenarchitekt. Er stattet Restaurants und Hotels aus – und schmückt sie zusätzlich mit eigenen Wandgemälden. Diese Arbeiten gefallen. Er bekommt interessante Aufträge, gestaltet das Interieur von etlichen Museen und anderen öffentlichen Gebäuden, zum Beispiel die Fassade der Concert Hall in der New Yorker World's Fair. Bald arbeitet Reiss auch mit anderen Architekten zusammen und verbindet die zweckgebundene Architektur mit seiner Kunst zu einer stilvollen Einheit. So gilt Winold Reiss heute als einer der Pioniere der "Modern Decorative Art" in den USA. In seiner Malerei stellen sich Erfolge dennoch nur schleppend ein. Seine ersten Porträts von Schwarzen stellt nur die "Harlem Library" aus. Andere Gallerien sind nicht interessiert – sie wollen keine Schwarzen. Nicht als Besucher in ihren Räumen und auch nicht auf Bildern.

"Modern Art Collector"

Winold Reiss findet sich zwar zunehmend besser in den amerikanischen Künstlerkreisen zurecht, aber er wird immer noch mißtrauisch beobachtet. Zu interessanten Kontakten und neuen Aufgaben verhilft ihm vor allem seine Frau. Da sie als Engländerin ohne Akzent spricht, gelingt es ihr wesentlich besser als Reiss, das Vertrauen der Amerikaner zu gewinnen. Mit Oskar Wentz, den er ebenfalls auf der Überfahrt nach Amerika kennen­ gelernt hatte, gründet Reiss die "Society of Modern Art" und das Magazin "Modern Art Collector", auch MAC. genannt. Die Zeitschrift soll die "Modern Art" von Europa nach Amerika bringen. Trotz des hohen Ansehens, das die Zeitschrift bei den Künstlern genießt, wird der MAC. 1917 eingestellt – aus politischen Gründen. In einem Zeitungsartikel wird der "Modern Art" vorgeworfen, mit ihr wollten die Deutschen die amerikanische Kultur unterwandern... So kam es, daß ausgerechnet der überzeugte Pazifist Reiss unter dem Krieg besonders zu leiden hatte. Auch als er 1920 während des Bürgerkriegs nach Mexiko reist, weigert er sich gegen jeden Rat von Freunden, eine Waffe mitzunehmen. Prompt wird er mehrfach von Banditen aufgespürt. Reiss macht ihnen klar, daß er sich nur für das Malen interessiert. Am Ende darf er die Banditen sogar porträtieren – und sie unterzeichnen mit ihren Namen... Nach dem Krieg geht es dann endlich finanziell bergauf. Reiss verkauft einige Illustrationen und Porträts unter anderem an die Zeitschrift Survey Gr·aphic. Für das Crillon Restaurant entwirft er die Innen­ausstattung. Im Sommer beginnt das erste Semester seiner während des Krieges gegründeten "Winold Reiss Art School". Reiss zieht wieder nach New York, mietet dort ein großes Gebäude, in dessen Räumen er auch sein Atelier und seine Schule einrichtet.

Endlich bei den Indianern

1919 ist es endlich geschafft. Reiss hat genug Geld für seine erste Studienreise zu den Indianern: Er will zu den Blackfeet nach Browning, Montana. Seine erste Bekanntschaft mit Indianern hatte Reiss Jahre vorher auf recht kuriose Weise gemacht. Er nahm einen Blackfeet-lndianer zu Hause auf. "Gelber Hirsch", der jahrelang für einen Zirkus gearbeitet hatte, war ohne Arbeit und froh, jemanden gefunden zu haben, der ihm Unterschlupf gewährte. Reiss, begeistert von der Physiognomie des Indianers, ließ ihn Modell sitzen und porträtierte ihn tagelang. Irgendwann jedoch hatte "Gelber Hirsch" genug davon und verschwand – Reiss sah ihn nie wieder. – ln den USA zählt er bereits zur "Prominenz": Die New York Evening Post verzeichnet am 13.03.1920 Reiss Rückkehr aus Montana und kündigt gleich­zeitig die Eröffnung seiner ersten Ausstellung an. 1922 fährt Reiss nach Europa: Er besucht seine Heimat und malt viele bäuerliche Gesichter aus dem Schwarzwald, Württemberg und Franken. In Oberammergau hält er seine Eindrücke von den Passionsspielen fest. Tirol, Holland und Schweden (wo er seinen Bruder Hans, der Bildhauer ist, besucht) liegen ebenfalls auf seiner Reiseroute. ln den folgenden Jahren trifft man Reiss fast jeden Sommer im Glacier Park. Eine Eisenbahngesellschaft, die "Great Northern Railway" trägt in den folgenden Jahren erheblich zum Bekanntwerden seiner Bilder bei. Ihr Präsident Louis Hili kauft alle Indianer-Porträts, die er kriegen kann. Außerdem veröffentlicht die "Great Northern Railway" große, farbige Reproduktionen in den Jahreskalendern und sponsert überdies alle weiteren Reisen zum Glacier Park. 1923 trennt sich Reiss von seiner Frau. Obwohl sein Sohn Tjark bei ihr bleibt, unternehmen Vater und Sohn viel zusammen. So begleitet Tjark seinen Vater auf seiner zweiten Europareise nach Schweden und auch zu seinen Großeltern nach Deutschland. Später organisiert Tjark eine sehr erfolgreiche Europa-Tournee (Wien, Budapest, Prag, Berlin) für seinen Vater. 1933 wird Reiss als außerordentlicher Professor an das "College of Fine Arts" in New York berufen. Seine Privat-Kunstschule verlegt Reiss in den Sommer­monaten nach Montana in den Glacier Park. Sein inzwischen aus Schweden übergesiedelter Bruder Hans begleitet ihn dorthin und arbeitet an einigen Projekten mit. Reiss erteilt den Blackfeet kostenlosen Mal- und Zeichenunterricht. Er ist von ihrer künstlerischen Begabung absolut überzeugt:

„Nie habe ich Menschen getroffen mit so wunderbarem Feingefühl und Takt. Man darf die Indianer nicht von unserem Standpunkt aus beurteilen – man muß versuchen, sie von ihrem Standpunkt zu sehen. Sie sind alle künstlerisch hochveranlagte Menschen, die Männer wie auch die Frauen. Wir können es an ihren Kostümen, Gebräuchen, Tänzen, Geräten und vor allem an ihrer poetischen Sprache beobachten. [...] Ich liebe das rote Volk und bin froh, es darstellen zu dürfen.“

Neben seinen Ausstellungen beschäftigt sich Reiss mit Inneneinrichtungen und Außenfassaden. Einer der größten Aufträge ist die Gestaltung des "Cincinnati Union Terminal", heute das Cincinnati Museum Center. Dort gestaltet er vom Jahre 1933 an in zweijähriger Arbeit zwei riesige Wandmosaiken an - die größten Wandbilder der Welt. Sie sind 2x 6,7m hoch und 33,5 m lang. In den Bildern erzählt er die Geschichte des Wilden Westens und die rasante Entwicklung des Verkehrs. 14 kleinere Mosaiken kamen im Jahre 1973 in die Terminals 1, 2 und 3 des Cincinnati/Northern Kentucky International Airport im Boone County (Kentucky), Kentucky. Der Grund für die Verlegung der Mosaiken war der Abriss der Bahnhofsteile. Sein Sohn beschreibt die Gefühle seines Vaters:

"This was an artist's dream - an opportunity to do something on a /arge scale, for a monumental building. The assignment included two giant murals for the rotunda, each 22 feethigh by 110 feet /ong, plus fourteen smaller industrial murals depicting the major industries of Cincinnati."

1935 entwirft Reiss das Interieur für das erste "Longchamps-Restaurant". Es ist das erste Restaurant-Design mit ausschließlich indianischen Motiven. Es folgen etliche Raumgestaltungen für die unter­ schiedlichsten Gebäude. Zusätzlich gestaltet Winold Reiss Außenfassaden und Eingänge, z.B. für das "Woolarc Museum" in Oklahoma. 1946 entschließt sich der mittlerweile sehr erfolg­reiche und bekannte Künstler, für immer in den Westen zu ziehen. Reiss kauft in Carson City ein ehemaliges Bankgebäude als Atelier und Alters­ Domizil. Reiss bezieht dieses Haus jedoch nie. 1951, nach seinem ersten Schlaganfall erholt sich Reiss noch einmal. Nach seinem zweiten Schlaganfall 1952 bleibt er gelähmt. Am 29. August 1953 stirbt Winold Reiss in New York City. Unweit des von ihm so geliebten Glacier Parks verstreuen Blackfeet ein Jahr später in einer feierlichen Zeremonie seine Asche über ihr Heiliges Land.

Medien/Archivalien

  • Winold Reiss – Der Indianermaler aus Karlsruhe (Südwest 3, circa 30 Minuten), ausgestrahlt am Samstag, 14. September 1996 und archiviert im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (R 4/007 S 96 4072/101)[1]

Weblinks

Datenbankeinträge:

Fußnoten

  1. http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-142083