Benutzer:Koch/Kriegerdenkmal Berghausen II

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Gutachter

Karlsruhe/Pfinztal, 23.2.2005
Gerhard Karl Huber  
Bildhauer, Karlsruhe
Dr. Manfred Koch 
Historiker, Pfinztal

Gutachten zur Neuaufstellung des Kriegerdenkmals Berghausen

70 Jahre nach seiner Herstellung hat das Kriegerdenkmal in Berghausen 2004 seinen dritten Standort erhalten. Die neue Aufstellung auf dem Erweiterungsgelände des Friedhofs in Berghausen hat zum Teil Erstaunen aber auch Ablehnung ausgelöst. Dieses Gutachten will deshalb in der Hauptsache zwei Fragen beantworten:

  • In welcher Tradition steht das Denkmal, welche inhaltlichen Aussagen sind damit verbunden?
  • Welcher Umgang mit solchen Denkmälern ist einer demokratischen Gesellschaft angemessen, in deren Grundgesetz als Staatsziel der Wille proklamiert ist, „als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“?

Vorgeschichte des Denkmals in Berghausen

Bereits zu Beginn der 1920er Jahre regte der Kriegerverein Berghausen (gegr. 1874) die Errichtung eines Gefallenendenkmals an. Ein Ausschuss beschloss dann, 1925 am Volkstrauertag (1. März) eine Sammlung zugunsten des Denkmals zu veranstalten. Mit einem Zuschuss der Gemeinde von 1000 Mark kamen knapp über 2000 Mark zusammen. Im Februar 1926 schlug der Kriegerverein den „Dreispitzenplatz“ vor dem Bahnhof als Standort des Kriegerdenkmals vor. Dem stimmte 1927 im Bürgerausschuss eine Mehrheit von 32 gegen 23 Stimmen zu. Daraufhin sammelten SPD, KPD und die Arbeitervereine etwa 900 Unterschriften (bei etwa 2500 Einwohnern) und forderten eine Rücknahme dieses Beschlusses, da die Sammlung ausschließlich für ein Denkmal auf dem Friedhof getätigt worden sei. Die Gemeindeverwaltung taktierte in der Folgezeit in der Denkmalfrage auch wegen der nicht ausreichenden Finanzmittel hinhaltend.

Erst 1933 unternahm der Kriegerverein einen neuen Vorstoß und beantragte die Errichtung des Denkmals zum 60. Stiftungsfest des Vereins im Juli 1934. Im August 1933 tagte erstmals der Denkmalausschuss. Die vom Vorsitzenden gehaltene Eröffnungsrede dokumentiert deutlich den Geist, in dem dieser Ausschuss arbeitete. Die Deutschen, führte er aus, seien 1914 mutig und entschlossen ihrem Führer gefolgt. Viereinhalb Jahre lang habe man unter Aufopferung aller Kräfte die Grenzen des Vaterlandes verteidigt, bis der innere Feind den Truppen in den Rücken gefallen sei und das stolze Heer zur Niederlegung der Waffen gezwungen habe. Dies war das die Tatsachen leugnende ideologisch bestimmte Geschichtsbild der Feinde der Republik, die 1933 deren Untergang herbeiführten. Weiter beklagte er, dass in der Standortfrage in Berghausen die „marxistische Seite das Denkmal bisher verhindert“ habe. Nun aber ging es zügig voran. Die mit Hilfe von Fachleuten des Bezirksamtes in Karlsruhe erstellte Ausschreibung sah die Umgestaltung des Bahnhofsplatzes vor. Dieser hatte wegen der Nutzung als Platz für Festlichkeiten unterschiedlicher Art ein unschönes Entree in den Ort geboten. In der neuen Grünanlage sollte das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges aufgestellt werden.

Das Kriegerdenkmal und seine Gestalter

Den Wettbewerb um die Gestaltung des Denkmals gewannen der Karlsruher Bildhauer Karl Seckinger und sein Partner der Architekt Fritz Rößler. Die Gesamtanlage des Kriegerdenkmal bestand aus einer um drei Stufen erhöhten, ca. 9 x 5 Meter großen Plattform, die auf drei Seiten von einer halbhohen Mauer mit einer Hinterpflanzung umfangen war. Im Zentrum stand ein aus einem Block Buntsandstein gearbeiteter Soldat erhöht auf einem Sockel. Der mit Stahlhelm und Mantel dargestellte Soldat schreitet mit entschlossenem Blick nach Westen. Er trägt ein Gewehr und weitere Kampfausrüstung. An der Mauer wurden drei Tafeln mit den Namen der 82 Gefallenen des Ersten Weltkrieges angebracht. Darüber an der Mauerkrone befand sich die Inschrift: „Die im Weltkrieg 1914 – 1918 gefallenen Söhne Berghausens“.

Karl Seckinger (geb. 1897) war Teilnehmer des Ersten Weltkrieges und schien daher für die Gestaltung entsprechender Soldaten nach den Wünschen der Auftraggeber prädestiniert. In der mittelbadischen Region stammen mehrere ähnliche Figuren wie die in Berghausen von seiner Hand, eine davon befindet sich in Grötzingen auf dem Gelände der Schule. 1941 musste der Künstler erneut in die Wehrmacht einrücken und kehrte erst 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. In seinem künstlerischen Schaffen wandte er sich seitdem wieder ausschließlich mythologischen Themen zu. Internationale Anerkennung errang Seckinger durch die Schaffung von Medaillen mit Portraits historischer Persönlichkeiten und mythologischer Szenen. Als Bildhauer setzte er sich zweimal noch mit dem Totengedenken auseinander. In Grötzingen und Langenbrand schuf er jeweils eine Pieta als Zeichen der Trauer für die Toten des Zweiten Weltkrieges. Die Pieta in Grötzingen trägt die von Seckinger verfasste Inschrift: „Die Toten mahnen, haltet Frieden.“ Diese bildhauerischen Werke Seckingers können somit durchaus als Abkehr von seinen entsprechenden Arbeiten aus der Vorkriegszeit interpretiert werden.

Die Tradition der Kriegerdenkmale

Eine sich öffentlich manifestierende Form des Gedenkens an die Opfer von Kriegen entstand im Zeichen der Aufwertung des Soldatenstandes und der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Auf deutschem Gebiet wird für die Zeit seit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 die Errichtung von über 100.000 Kriegerdenkmälern angenommen. Diese stellen damit die quantitativ stärkste Gruppe von Monumenten im öffentlichen Raum dar.

Kriegerdenkmäler verleihen zum einen dem Gedenken an die Toten sichtbaren Ausdruck. Sie gehen zum anderen allerdings deutlich darüber hinaus. Die meisten übernehmen eine sinnstiftende Funktion: Vor dem Hintergrund des massenhaften und gewaltsamen Sterbens der Soldaten versuchen sie, dessen Sinn und Rechtfertigung zu vermitteln. Die Inschriften überhöhen den Kriegstod, machen die Gefallenen zu Helden, Vaterlandsbeschützern oder Siegern. Dabei wird dann die Frage nach den Ursachen des Krieges völlig ausgeblendet – musste das „Vaterland“ wirklich verteidigt werden, oder hatte man nicht selbst den ersten Schuss abgegeben? Kriegerdenkmale sind zumindest in der Zeit bis 1945 in aller Regel Ausdruck der Heroisierung der Soldaten und der Verdrängung der menschenverachtenden Gewalt des Kriegsgeschehens. Im Kontrast dazu und zur sozialen Wirklichkeit der Kriegskrüppel und Kriegsheimkehrer sind sie im Grunde Zeichen zynischer Verlogenheit. Sie bieten in ihren Inschriften und Gestaltungselementen keine Mahnung, Konflikte künftig friedlich zu lösen und sinnlose Menschenopfer zu verhindern.

Zwei Grundformen für die Kriegerdenkmale sind zu unterscheiden Zum einen Obelisken mit Beschriftung und gegebenenfalls Reliefdarstellungen und zum anderen Vollplastiken von Soldaten. Beide sind schon für die Kriegerdenkmäler nach dem Deutsch-Französischen Krieg überliefert. Bereits in den 1920er Jahren zeichnete sich ab, was dann im nationalsozialistischen Deutschland offiziell gefördert wurde. In der typisierenden, kantigen Darstellung der Gesichtszüge und den gestählten Körpern wird der wehrhafte, stahlharte und vermeintlich unbesiegbare Frontsoldat propagiert. Für die NS-Propaganda symbolisierte er die militärische Wiederauferstehung Deutschlands, förderte den Revanchegedanken und bereitet so auf die Notwendigkeit eines neuen Krieges vor.

In dieser Tradition steht auch das Kriegerdenkmal in Berghausen mit seinem nach Westen ausgerichteten zum Kampf gerüsteten Soldaten. Im Evangelischen Gemeindeboten Berghausen vom Juli 1934 findet sich folgende eindeutige Beschreibung des Denkmals, die zugleich auch die damit verbundenen propagandistischen Inhalte aus der Sicht der Mehrheit der damaligen Bürgerschaft vermittelt: „Klaren Auges, fest in der Hand das Gewehr, den einen Fuß leicht erhoben zum Vormarsch bereit, sobald das Kommando ertönt – so wird die Gestalt des Kriegers … erinnern an die vielen, die auch aus Berghausen nach Westen zogen oder nach dem Osten …; erinnern die Jungen, dass sie Männer werden mit klarem Blick, mit fester Hand und bereit, ihr Leben einzusetzen für die Ehre und Freiheit des deutschen Vaterlandes.“

Bereits 1927, zu der Zeit als sich ein großer Teil der Bevölkerung Berghausens für ein Totengedenken der Gefallenen auf dem Friedhof einsetzte, hat Kurt Tucholsky zum Gefallenengedenken in Europa aus der Sicht eines Pazifisten festgestellt: „Jedes Gedenken der Gefallenen, also Ermordeten, ohne die klare Ablehnung der Kriegsidee ist eine sittliche Schande und ein Verbrechen an der nächsten Generation.“ Er nahm damit vorweg, was nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges wohl die überwiegende Mehrheit in Deutschland und Europa empfand.

Das Kriegerdenkmal nach 1945

Das Kriegerdenkmal in Berghausen hat den Krieg weitgehend unversehrt überstanden und blieb an seinem herausgehobenen Standort im Ortsbild. Nahezu überall, wo die alten Denkmäler unversehrt geblieben sind, wurden sie nach 1945 weiter benutzt. In Berghausen hat man das alte Denkmal unverändert belassen und darauf verzichtet, es durch die Verzeichnung der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges zu erweitern. Ungeachtet seiner militaristischen und revanchistischen Aussage fanden hier in der ersten Nachkriegszeit die offiziellen Gedenkfeiern zum Volkstrauertag der Gemeinde mit Ansprachen und Kranzniederlegungen statt.

1961 stellte die Gemeinde auf dem Friedhof zum Gedenken an die Gefallenen beider Weltkriege einen übermannsgroßer Findling aus dem Murgtal auf. Der Findling trägt ein Kreuz und die Inschrift: „Unseren Gefallenen zum Gedächtnis 1914-1918 1939-1945“. Vermieden ist damit jedes kriegerische Pathos, jeder Versuch einer Sinnstiftung, jede Anklage - aber auch jede offen ausgesprochene Mahnung zur Vermeidung künftiger Kriege. Es kann nur angenommen werden, dass es diese Form des Gefallenengedenkens ist, die von einem Großteil der Gemeinde schon 1925-27 gewollt worden war. Nach mehreren Aussagen von Zeitzeugen wurden seitdem die Volkstrauertage auf dem Friedhof und nicht mehr vor dem Denkmal beim Bahnhof begangen. Dies lässt den Schluss zu, dass man sich mit diesem neuen Gedenkstein auf diskrete Weise von dem Denkmal vor dem Bahnhof distanzierte.

Im Jahre 1987 kam das Ende für die Anlage des Kriegerdenkmals am ursprünglichen Ort. Nach dem Beschluss des Gemeinderats von 1984 und einem Ideenwettbewerb wurde 1987/88 der südliche Bahnhofsbereich neu geordnet. Nach den Plänen des Wettbewerbssiegers Gerd Gassmann wurde das Denkmal in veränderter Form in den so genannten Bürgergarten der neuen Platzanlage umgesetzt. Statt auf einer erhöhten Plattform stand der Krieger nun ebenerdig in der umgesetzten Mauernische. Statt der Tafeln mit den Namen der Gefallenen – sie waren inzwischen teilweise verwittert und unleserlich – brachte man drei Sandsteinplatten an, deren linke die Inschrift trägt: „Den Gefallenen der beiden Weltkriege zum Gedenken“. Die mittlere Platte ist unbeschriftet, die rechte zieren mehrere Kreuze. Die Mauerkrone trägt keine Inschrift mehr. Der Blick des Soldaten war nicht mehr nach Westen, sondern nach Norden gerichtet.

Das Kriegerdenkmal stand somit nicht mehr so zentral wie zuvor, hatte einen Teil seines monumentalen Charakters und durch die Änderung der Blickrichtung seine feindselige Aussage gegen Frankreich verloren. Wie schon die Errichtung des Findlings lässt sich auch diese Maßnahme als ein Abrücken von dem nazistischen Gehalt des Kriegerdenkmals interpretieren, das aber zugleich die Tradition des Totengedenkens vor diesem Denkmal nicht leugnet.

Manchen Einwohnern schien freilich der neu Platz zu abgelegen und die Präsentation wohl auch als zu einfach, zu wenig inszeniert. Dazu kam, dass sich der Standort zunehmend als unwirtlich erwies. Verschmutzungen unterschiedlicher Art in der Umgebung und des Kriegerdenkmals selbst führten zu einer unwürdigen Situation für jene, die hier das Gefallenengedenken pflegen wollten.

Bei der Planung der Friedhofserweiterung in Berghausen kam deshalb der Gedanke auf, das Kriegerdenkmal dorthin zu verlegen. 1999 begrüßte der Ortschaftsrat Berghausens einstimmig, dass das „Ehrenmal … nunmehr einen würdigen Platz erhält.“ Der neuerlichen Verlegung möglicherweise entgegenstehende Argumente wurden laut Protokoll der Sitzung nicht vorgebracht. 2004, nach Fertigstellung des neuen Friedhofsareals, konnte gemäß dem Beschluss des Ortschaftsrats von 1999 das Kriegerdenkmal umgesetzt werden, allerdings geschah dies nur mit der Figur des Soldaten. Sie fand dort gerahmt von einer Kirschlorbeerhecke an exponierter Stelle ihren Platz.

Kriegerdenkmäler im Nachkriegsdeutschland

Nach 1945 ordneten die Sieger des Zweiten Weltkrieges „die Liquidierung deutscher militärischer und Nazi-Denkmäler“ an. Das Kriegerdenkmal in Berghausen weist zwar eindeutig militärische Bezüge auf, wie abertausende andere ähnliche Kriegerdenkmäler in Deutschland blieb es jedoch stehen. Das damit verbundene Totengedenken bewahrte sie vor dem Abriss. Den Franzosen war im Übrigen diese martialische Form des Gefallenengedenkens durchaus vertraut durch die Denkmäler in ihrer Heimat, die den deutschen in kriegerischer Haltung in nichts nachstanden.

Die Krieger- und Gefallenendenkmäler des Ersten Weltkrieges konnten somit durch Hinzufügen eines Hinweises auf den Zweiten Weltkrieg bzw. der Namen der darin Gefallenen weiter für die Trauer um die gefallenen Soldaten genutzt werden. Auf diese Weise wurden tausendfach Kriegerdenkmäler trotz ihrer NS-Symbolik Teil des öffentlichen Totengedenkens und damit Teil der deutschen Erinnerungskultur an die NS-Verbrechen. Die dort gehaltenen Reden machten zumindest nach einiger Zeit aus den Toten keine Helden, aus dem als sinnlos erkannten Tod folgerten sie die Mahnung zum Frieden. Im Zeichen der in der deutschen Erinnerungskultur unumstrittenen Maxime des „Nie Wieder“ wandelten die NS-Kriegerdenkmäler ihren Charakter. Neben ihrer fortdauernden Funktion als Orte der Trauer für die Verstorbenen, können sie heute auch als Antikriegsdenkmäler gesehen werden. Damit sind sie als Teil der deutschen Geschichte im öffentlichen Raum integriert. Sie bedürfen aber zu ihrem besseren Verständnis und zum offenen Umgang mit ihnen ihrer originalen Standorte. Das wird gerade am Beispiel Berghausen besonders deutlich, denn hier ist der Standort eben auch ein Teil der seinerzeit nicht unumstrittenen Entstehung des Denkmals.

Vielerorts, wo NS-Denkmäler weiter bestanden, regte sich Protest von Einzelpersonen und Gruppen gegen die Überreste des Nationalsozialismus. In Hamburg erhielt ein solches den Krieg verherrlichendes Denkmal ein Gegendenkmal von Alfred Hrdlicka als künstlerischen Kommentar, der zur kritischen Auseinandersetzung auffordert. Natürlich kann solches nicht überall geleistet werden, gleichwohl ist es durchaus möglich bei solchen Denkmälern Hinweistafeln zu platzieren, die den historischen Zusammenhang erläutern. Dies wird mit wachsendem zeitlichen Abstand von den Ereignissen und dem Ableben der Generation der Zeitzeugen sogar immer dringlicher, da diese Denkmäler von den Jüngeren unkommentiert nur noch schwer zu verstehen sein werden.

Stellungnahme und Empfehlung

Aktuell stellt sich die Situation um das Kriegerdenkmal in Berghausen folgendermaßen dar. Das Kriegerdenkmal des steinernen Soldaten ist aufgrund seiner Entstehungsgeschichte Ausdruck sowohl des Gefallenengedenkens wie auch des kriegerischen und menschenverachtenden Geistes der NS-Diktatur. Bis zu seiner Versetzung auf den Friedhof konnte die Gesamtanlage trotz der geringfügigen Verschiebung vom ursprünglichen Standort sowohl Ort der Trauer wie auch aufgrund des veränderten Umgangs mit ihm als Mahnmal gegen den Krieg aufgefasst werden. Diese Funktion als steinernes und mahnendes Zeugnis deutscher Geschichte hätte durch eine kommentierende Erläuterung am Denkmal hervorgehoben werden sollen. Nach der jüngsten Versetzung steht der martialische Krieger nun aber ohne jeden Bezug oder Hinweis auf seine frühere Funktion als Teil eines größeren Kriegerdenkmals auf dem künftigen Gräberfeld.

Diese Aufstellung provoziert selbstverständlich Fragen, die bei dem Beschluss wohl nicht bedacht wurden: Welche Funktion hat diese Figur auf einem Friedhof? In welchem Verhältnis steht sie zu dem anderen Gefallenendenkmal auf dem Friedhof bei den Kriegsgräbern? Wie soll vor allem jüngeren Menschen die historische Funktion dieser Figur als Teil eines NS-Kriegerdenkmals und sein Wandel zum mahnenden Zeichen erschlossen werden? Warum wird 60 Jahre nach Kriegsende auf einem Friedhof ein Symbol des NS-Militarismus aufgestellt? Was geschieht mit der Mauer aus Buntsandstein und dem Hinweis auf die Gefallenen ohne den Soldaten auf dem ehemaligen Bahnhofsplatz? Eine annäherungsweise befriedigende Antwort auf alle diese Fragen halten wir für ausgeschlossen.

Ganz abgesehen davon stellt sich natürlich auch die Frage, wie sich der Urheber der Figur zu dieser Verwendung seiner Arbeit gestellt hätte. Hier glauben wir uns der Antwort sicher zu sein: Der 1979 verstorbene Karl Seckinger war nach 1945, wie oben ausgeführt, von seinen entsprechenden Arbeiten aus der Vorkriegszeit abgerückt. Er hätte deshalb die Aufwertung des Soldaten, die mit der neuen Aufstellung einhergeht, sicher nicht akzeptiert. So verlangt auch der Respekt vor den gewandelten Auffassungen des Künstlers einen sensibleren Umgang mit dem Kriegerdenkmal.

Zu bedenken ist ferner, dass die Gemeinde sich mit dieser im Hinblick auf die Geschichte des Kriegerdenkmals und dem Umgang mit ihm nach 1945 nicht begründbaren Verwendung einem ernsten Vorwurf aussetzt. Gerade weil dies sicher ungewollt geschieht, sollte man ihn nicht einfach beiseite schieben. Der Vorwurf könnte lauten, dass man mit der Teilung des Kriegerdenkmals und der Verwendung nur des martialischen Soldaten die in der Nachkriegszeit gewonnene Distanz zum Geist der Auftraggeber des Denkmals und der Zeit seiner Setzung wieder aufgibt, dass man damit einer revisionistischen Geschichtsbetrachtung Vorschub leistet.

Die Figur sollte deshalb von ihrem jetzigen Standort wieder entfernt werden und einen angemessenen Platz in der Erinnerungskultur Berghausens und Pfinztals erhalten. Da der Standort am Bahnhofsplatz Teil der Geschichte der Gesamtanlage des Kriegerdenkmals ist, wäre dieser Platz nach unserer Ansicht angemessen. Er müsste allerdings mit einer erläuternden Kommentierung versehen werden. Darüber könnte sowohl im Ortschafts-/Gemeinderat als auch öffentlich diskutiert werden. Auch darüber, wie die Kommentierung zu gestalten wäre, sollte öffentlich und unter Beteiligung der Schulen diskutiert werden. Schließlich wäre denkbar, dass in den Schulen Vorschläge dazu erarbeitet werden.

Lebendige Erinnerungskultur verlangt unterschiedliche Formen des Umgangs mit der NS-Vergangenheit. Eine Form ist die Verleihung des Preises der Ludwig-Marum-Stiftung unter Mitwirkung der Gemeinde. Ein verfehlter Umgang ist sicher die unreflektierte Weiterverwendung der NS-Figur, die - pars pro toto - Ausdruck der äußersten Unmenschlichkeit des NS-Systems ist. Solche Zeichen haben heute im öffentlichen Raum keine Existenzberechtigung, es sei denn als kommentierte Mahnmale gegen Unrecht und Gewalt. In einer lebendigen Erinnerungskultur geht es darum, die Grundwerte Freiheit, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit immer wieder neu zu justieren, gegen schleichende Erosion zu schützen und gegen offene Angriffe zu verteidigen. Es geht darum, auch in Zukunft Demokratie immer wieder neu zu stiften.

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Dieser Artikel ist das Gutachten in der Fassung vom 23. Februar 2005. Es ist eine Quelle für den Artikel Kriegerdenkmal Berghausen.