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Dr. Manfred Koch


Offener Brief an die Herausgeberin von „Pfinztal intern“

Pfinztal, 5.11.2006

Sehr geehrte Frau Weiß,

in „Pfinztal intern. Das Magazin für Pfinztal“ Ausgabe 21 vom November 2006 wird in einem namentlich nicht gezeichneten Artikel im Zusammenhang mit der Auflistung und Erklärung kirchlicher Feiertage im November auch der nichtkirchliche Volkstrauertag behandelt. Bei Letzterem belässt es der Autor/die Autorin nicht bei der Erklärung, sondern es wird auch Stellung bezogen zu der politischen Diskussion in der Gemeinde über das Kriegerdenkmal in Berghausen. Das ist für Ihr Blatt, das sich sonst von aktuell politischen Geschehnissen eher fernhält, ungewöhnlich.

In Pfinztal gibt es leider keine publizistische Plattform, die eine öffentliche Erörterung des Für und Wider des neuen Standorts ermöglichen würde. Da der Artikel lediglich eine Meinung transportiert und die unterschiedlichen Standpunkte nicht referiert, habe ich leider keine andere Möglichkeit als darauf in der Form eines offenen Briefes zu erwidern.

Kriegerdenkmale sind steinerne Zeugen unserer Vergangenheit. Es gibt sie in Deutschland in unterschiedlichen Formen zu Tausenden. Darunter auch sehr viele, die mehr oder weniger martialische Soldatengestalten darstellen. Mit Ihnen sollen und können wir leben. Das gilt auch für die nationalsozialistische Ausprägung dieser Denkmale, auch wenn es in manchen Fällen wünschenswert wäre, ihnen Erläuterungen beizufügen.

Gerade wegen ihrer dokumentarischen Eigenschaften darf man sie aber nicht beliebig aus ihrem Entstehungszusammenhang herausreißen und wie ein gewöhnliches Stück der Ortsmöblierung neu platzieren. Genau das aber hat der verantwortliche Ortschaftsrat in Berghausen beschlossen und erst damit die Diskussion überhaupt ausgelöst.

Mit seiner nicht ausreichend reflektierten Entscheidung, das Denkmalensemble im Ort auseinander zu reißen und nur die Soldatenfigur zu versetzen, hat der Ortschaftsrat folgendes bewirkt: Die aus ihrem Entstehungszusammenhang und ihrer Darstellung als aggressiv wehrhafter Nazikrieger identifizierbare Soldatengestalt erhält durch Ihre Aufstellung auf dem neuen zivilen Friedhofsfeld einen völlig neuen Stellenwert und eine veränderte Aussagekraft. Ohne die Namen von Gefallenen oder den Hinweis auf das ehrende Gedenken der Kriegstoten (die entsprechenden Tafeln blieben beim Rest des Denkmalensembles im Ort stehen) drückt der an seinem neuen Standort deplatziert wirkende überlebensgroße Soldat nur die Bereitschaft zum Krieg aus. Das erregt Anstoß und Widerspruch.

Dieser Umgang mit der Kriegerfigur schafft keine Distanz zur Nazidiktatur und ihren Menschheitsverbrechen. Er trägt vielmehr unmittelbar zu deren Verharmlosung bei. Dagegen ist entschiedener Widerspruch dringend notwendig, gerade im Zeichen des zunehmenden Rechtsextremismus unserer Tage und der fortgesetzten Versuche revisionistischer Geschichtspropagandisten zur Relativierung der NS-Gewaltherrschaft bis zur Leugnung des Holocaust.

Angesichts dieser aktuellen Entwicklung ist die Bemerkung in dem Artikel von „Pfinztal intern“, bei der Betrachtung der Kriege und der Trauer um die Kriegstoten die „politischen Hintergründe beiseite“ zu lassen, zumindest gedankenlos, wenn nicht fahrlässig. Eine solche Haltung fordert geradezu zum Verdrängen der Geschichte auf, statt zu einer aktiven Auseinandersetzung. Wir sollten uns immer bewusst bleiben, dass politische Gleichgültigkeit gegenüber nationalsozialistischem Gedankengut – und solches verkörpert der Berghausener Krieger zweifellos – und dessen Verharmlosung den Keim der Gefährdung von Freiheit, Recht und Menschlichkeit in sich bergen. Das gilt immer und überall, auch in vermeintlich unbedeutenden lokalen Geschehnissen. Schon Bertolt Brecht wusste: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies Unheil kroch.“

Man darf gespannt sein, wie lange der Ortschaftsrat Berghausen sich in dieser Angelegenheit noch in untätiges Schweigen hüllt.

Mit freundlichen Grüßen

Manfred Koch

Gutachten