Living Library
Die Living Library (2024-2026) ist ein transdisziplinäres Projekt, das am Bio Design Lab der Staatliche Hochschule für Gestaltung entwickelt wurde. Im Laufe von zwei Jahren förderte es praxisorientiertes Lernen mit Schwerpunkt auf lokal gewonnenen Rohstoffen aus einem Umkreis von 50 Kilometern um die Hochschule (die Bioregion Karlsruhe), experimentellem Arbeiten und regenerativen Produktionsweisen.
Das Projekt ist ein hybrides und sich ständig weiterentwickelndes Ökosystem. Es vereint ein physisches Archiv mit Materialproben, Werkzeugen, Prozessen und Workshop-Artefakten sowie ein digitales Archiv mit interaktiven Karten, Forschungsergebnissen und Materialdokumentationen. Geleitet von den Prinzipien der Kompostierbarkeit, Lokalität und Nachhaltigkeit folgt das Projekt den ökologischen Zyklen der Aussaat, des Wachstums, der Ernte und des Verfalls. Studierende, Forschende und lokale Praktiker:innen arbeiteten zusammen, um regionale Ressourcen zu lokalisieren, biobasierte Materialien zu ernten und zu verarbeiten sowie deren Lebenszyklen von der Entstehung bis zur Zersetzung zu untersuchen.
Das Projekt fördert experimentelles, praxisbezogenes Lernen mit Schwerpunkt auf lokalen Rohstoffen, Herstellungstechniken und nachhaltigen Produktionsweisen. In Seminaren, Workshops und Exkursionen werden Materialien gesammelt, entwickelt, aktiviert und schließlich wieder durch Kompostieren in den Boden eingebracht. Der Prozess und die Ergebnisse werden in einem digitalen Archiv dokumentiert und in einer Open-Access-Publikation gebündelt.
Materialien
Lokale Materialien die untersucht wurden:
- Kompost (Siehe Kleingarten)
- Wolle
- Lebensmittelabfälle
- Pilze
- Holz (Siehe Wald)
- Invasive Pflanzen
- Industriehanf
Lehrprogramm
Das Lehrprogramm umfasste eine Reihe von zweitägigen Veranstaltungen, die jeweils eine Exkursion, ein Kolloquium und einen praktischen Workshop kombinierten. Diese Zusammenkünfte wurden zu Orten, an denen sich Wissen aus verschiedenen Bereichen kreuzte, Materialien mit den Orten und Gemeinschaften in Verbindung gebracht wurden, aus denen sie stammten, und Studierende mit Fachleuten zusammenkamen, die sowohl konzeptionelle Reflexion als auch praktische Experimente anleiten konnten. Durch die Zusammenführung lokaler und internationaler Stimmen förderte das Programm eine Kultur des gleichberechtigten Austauschs.
Am ersten Tag lag der Schwerpunkt auf der Erkundung. Die Teilnehmenden besuchten lokale Quellen für nachhaltige Materialien, beobachteten natürliche Kreisläufe und führten erste Experimente wie Faserextraktion, Verbundstoffbildung oder die Kultivierung von Biomaterialien durch. Die Kolloquien boten dann Raum, um Erkenntnisse aus den Exkursionen auszutauschen und sie in breitere Diskussionen über Biodesign und Bioregionierung, neuen Materialismus oder »more than human« Narrative einzuordnen. Diese Sitzungen, die an der HfG Karlsruhe stattfanden und öffentlich online gestreamt wurden, öffneten den Austausch für ein breiteres Publikum und verknüpften Perspektiven von Studierenden, Praktizierenden und Forschenden miteinander.
Am zweiten Tag verlagerte sich der Schwerpunkt auf das Machen. Unter Anleitung von eingeladenen Praktizierenden verarbeiteten die Studierenden die während der Exkursionen gesammelten Materialien und arbeiteten direkt damit. In dieser Phase standen der Aufbau von Wissen und Fähigkeiten im Vordergrund, wobei gezeigt wurde, wie theoretische Forschung und ökologische Reflexion in die Praxis umgesetzt werden können. Durch die Auseinandersetzung mit den Materialien durch Berühren, Experimentieren und Iteration entdeckten die Studierenden sowohl das Potenzial als auch die Grenzen der lokalen Ressourcen – Erkenntnisse, die in die eigene unabhängige Praxis einfließen können.
Kompost (Herbst 2024)
Mit Markus Bier und Vik Bayer/Michael Reindel (Compost Collective, Wien) wurde Kompostierung sowohl als ökologische Praxis als auch als spekulative Methode vermittelt. Die Aktivitäten reichten von der Herstellung von Biokohle bis zum Bau von Komposthaufen, wobei auch über Transformationszyklen nachgedacht wurde. Zu den Exkursionen gehörten ein lokaler Schulgarten und die Kleingärten in Karlsruhe.
Wolle (Winter 2024)
Besuche auf Schafsfarmen und Verarbeitungsstätten wurden von den Designerinnen Carolin Schelkle und Nina Havermans geleitet. Der Workshop befasste sich mit Filzen und Rezepturen für Verbundstoffe und definierte Wolle neu als bioregionale Ressource mit sozialen und materiellen Verflechtungen.
Lebensmittelabfälle (Winter 2025)
Zusammen mit den Materialgestalterinnen Verena Brom und Loana Flores verfolgten die Studierenden lokale Abfälle und besuchten Produzenten und Händler. Im Workshop verwandelten die Studierenden weggeworfene Materialien in Farbstoffe und Druckpasten und verbanden so Nachhaltigkeit mit Farbe, Handwerk und Storytelling.
Myzel (Winter 2025)
Myzel wurde von den Designerinnen Nina Flaitz und Liene Kazaka sowohl als biologisches Netzwerk als auch als Material für die Gestaltung vorgestellt. Nach einem Besuch im örtlichen Pilzherbarium (Staatliches Museum für Naturkunde) und einer Pilzwanderung in den Rheinauen experimentierten die Studierenden im Bio Design Lab mit dem Wachstum von Myzel und seinen textilen Eigenschaften.
Holz (Frühjahr 2025)
Eine Exkursion unter der Leitung des Produktgestalters Simon Gehring und des Holzvermittlers Stefan Kudermann verband Waldökosysteme, Tischlereien und Holzfabriken miteinander. Eine Exkursion nach Bühl und ein Workshop zum Thema Tischlerei betonte Holz als reaktionsfähiges Material und stellte die Frage, wie sich das Bauwesen von der Gewinnung zum Dialog wandeln kann.
Invasive Pflanzen (Frühjahr 2025)
Die Medienkünstlerin Filipa César und das Designstudio Atelier Schaft stellten invasive Arten (zum Beispiel der Götterbaum) als umstrittene, aber fruchtbare Materialquellen vor. Während der Exkursion in den Hardwald mit einer örtlichen forstlichen Fachkraft wurden invasive Pflanzen unter fachkundiger Anleitung entfernt, während im Workshop – unter Verwendung von Bindemitteln und Pigmenten – herkömmliche Vorstellungen von Zugehörigkeit, Eigentum und Wert in der Ökologie hinterfragt wurden.
Hanf (Frühjahr 2025)
Zusammen mit den Designerinnen Freia Achenbach und Hannah Segerkrantz beschäftigten sich die Studierenden mit Hanfbeton und Seilherstellung. Nach Exkursionen zu einer Hanfverarbeitungsanlage und einem traditionellen Seilhersteller wurde im Workshop Industriehanf als ökologisch widerstandsfähiges Material hervorgehoben, das Bautechniken mit handwerklichen Verfahren verbindet.
Projektteam
- Projektleitung, Koordinatorin: Julia Ihls
- Material-Kuratorin: Fara Peluso
- Digitale Kuratoren: Pleun van Dijk and Jaap Knevel
- Assistenz Koordination: Lilith Stumpf
- Assistenz Material-Kuratierung: Luzia Holzbach, Benjamin Kaltenbach
- Assistenz digitale Kuratierung: Cornelia Herzog, Pauline Kuch, Sebastian Schilbach