Lehnswesen

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Das Lehnswesen war eines der Hauptmerkmale des Feudalismus im europäischen Mittelalter und bildete die Grundlage der Gesellschaftsordnung in jener Zeit.

Herkunft und Wesen des Lehnswesens

Ein Lehen wird im lateinischen feudum, feodum oder beneficum genannt. Das Lehen entwickelte sich aus dem „Klientelwesen“ des römischen Reiches der Spätantike und dem Gefolgschaftswesen der verschiedenen germanischen Reiche.

Ein Lehen beschrieb ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Lehnsherren und dem Vasallen oder Lehnsmann, der belehnt wurde. Ein Lehen kam dadurch zustande, dass beide Seiten einen Lehnseid schworen. Das Abhängigkeitsverhältnis drückte sich dadurch aus, dass der Lehnsherr Schutz und Treue für seine Vasallen bot, während ein Vasalle seinem Lehnsherren im Gegenzug Treue und Unterstützung bieten musste. Die Unterstützung bestand in der persönlichen Teilnahme oder, je nach Rang und Größe des Lehens, in der Stellung von Soldaten für Heerfahrten. Auch Geld- und Sachleistungen gehörten dazu und die Anwesenheit am Hof, um dem Lehnsherren mit Rat beistehen zu können.

Gegenstand eines Lehens war häufig ein Grundstück oder eine Immobilie wie beispielsweise ein Gutshof oder eine Burganlage. Es gab jedoch eine Vielzahl verschiedenster Lehensformen und Bezeichnungen wie etwa das „Stiftslehen“, bei dem der Lehnsherr ein Kloster war.

Verwendung des Lehens

Der Vasall konnte sein Lehen so verwalten, als wäre es sein eigener Grundbesitz. Aus heutiger Sicht kann man die Verwendung in etwa mit einem Pachtvertrag vergleichen, bei dem der Verpächter dem Pächter ein Stück Land verpachtet. Der Unterschied liegt darin, dass das Lehen auf Lebenszeit vergeben wurde und der Vasall dem Lehnsherren Treue und Unterstützung schwören musste. Beim Pachtvertrag endet die Unterstützung des Verpächters durch den Pächter mit der Bezahlung des vereinbarten Pachtzinses. Selbstverständlich kann eine Pacht heute nur Grundstücke, Rohstoffe oder Immobilien umfassen. Ein Lehen konnte aber je nach Art und Umfang einen einzelnen Hof oder ein großes Gebiet inklusive der darin befindlichen Siedlungen und deren Bewohner einschließen sowie die Wahrnehmung verschiedenster Rechte beinhalten wie das Recht auf Steuererhebung, die Ausübung der Gerichtsbarkeit oder die Einforderung von Fronarbeiten durch die Bewohner des Gebiets mit dem man belehnt wurde.

Dauer eines Lehen

Ursprünglich wurde ein Lehen auf Lebenszeit vergeben. Nach dem Tod des Lehnsherren oder des Vasallen fiel das Lehen wieder an den Lehnsherrn oder dessen Erbe zurück, der es daraufhin neu vergeben konnte. Da die Nachfahren des ursprünglichen Vasallen häufig erneut belehnt wurden, setzte sich im Lauf der Zeit das erbliche Lehen durch. Nach einem Generationswechsel wurde der obligatorische Lehnseid oft nur noch in einem formaljuristischen Akt abgegeben, der das Abhängigkeitsverhältnis auch für die neue Generation hervorheben sollte.

Ein Beispiel dafür ist das Schicksal der Grafschaft des Pfinzgau. Das Lehen hatten die Grafen von Hohenberg inne. Als deren letzter männliche Nachfahre Berthold der Jüngere, siehe Berthold von Hohenberg, 1136 verstarb, fiel das Lehen zurück an die Staufer, welche die Grafschaft an die Grafen von Grötzingen vergaben. Wenige Jahrzehnte später wurde nach dem Tod des Grafen Wecelo de Grecingen um 1190 das Lehen nicht mehr neu vergeben und die Grafschaft Pfinzgau erlosch. Das Gebiet wurde dabei anderweitig vergeben und verwendet. So wurde im Folgenden die Stadt Durlach von den Staufern gegründet und Gebiete mit dem Markgrafen von Baden im Ausgleich mit anderen Ländereien getauscht.

Bedeutung des Lehnswesens

Mit der Vergabe von Lehen erhofften die jeweiligen Lehnsherren nachfolgend genannte Ziele zu erreichen.

Kontrolle über ihre Gebiete

In einer Zeit, da die deutschen Kaiser und Könige die meiste Zeit ihrer Herrschaft in ihren Ländern umherreisen mussten, um Präsenz zeigen und unmittelbare Herrschaft ausüben zu können, war es wichtig, dass ihre Gebiete möglichst in ihrem Sinne während ihrer physischen Abwesenheit von Personen verwaltet wurden, die ihnen mindestens formal selbst zur Treue und Gefolgschaft verpflichtet waren.

Auszeichnung und Auswahl der unmittelbaren Gefolgschaft

Da auch familiäre Verbindungen und eine gute Heiratspolitik nicht vor Konflikten im Inneren des Reiches schützen konnten, eröffnete sich dem Lehnsherren mit der Vergabe von Lehen und der Neuvergabe derselben beim Tod eines Vasallen die Möglichkeit, ihm genehme Personen auszuzeichnen, zu fördern und an sich binden.

Als das Lehnswesen in die Erblichkeit abglitt, trat dieser Aspekt in den Hintergrund, was auch zu einem Machtverlust der obersten Lehnsherren führte.

Ökonomische Gründe

Da zur Blütezeit des Lehnswesens die Naturalwirtschaft vorherrschte und große Teile der Bevölkerung direkt von der Landwirtschaft lebten, bot das Lehnswesen und die Weitervergabe von Lehen die Möglichkeit, die adligen und klerikalen Stände angemessen versorgen zu können. Klöster und Burgen verfügten über mehr oder weniger Siedlungen in ihrem näheren Umfeld, die deren Unterhalt dienten, da die Steuerabgaben häufig in Form von Naturalien erfolgten. Im Gegenzug sorgten sie für Bildung, Krankenpflege, Ausübung der Gerichtsbarkeit und in Krisenzeiten für Schutz.

Als Beispiel hierfür kann das ehemalige Kloster Gottesaue dienen, dem zahlreiche Siedlungen und Dörfer im Umkreis des Klosters vom Stifter geschenkt wurden.

Abbildung der Gesellschaftsordnung

Oberster Lehnsherr war der Kaiser oder König. Dieser vergab Lehen an ihm unterstehende weltliche und kirchliche Adlige, die ihr Lehen wiederum aufteilten und an die ihnen unterstehenden Adligen weitergaben und so weiter.

Lehensfähig waren zunächst nur Personen, die frei, waffenfähig und im Besitz ihrer Ehre waren. Später waren auch so genannte Ministerialen[1], d.h. Dienstmannen und Männer von Ministerialen lehensfähig. Die unterste Stufe bildeten Männer, die zwar lehensfähig waren, ihre Lehen jedoch nicht mehr an andere Personen vergeben konnten.

Durch diese sich ergebenden hierarchischen Strukturen bildeten sich die einzelnen Gesellschaftsschichten heraus. Ganz oben stand der Kaiser oder König, ganz unten befanden sich die zahlreichen Bauern und Unfreien und dazwischen die Stände des Adels sowie des Klerus.

Grenzen des Lehnswesens

Das Lehnswesen sorgte dafür, dass sich die Krieger, die Ritter und das damals mehr oder weniger zugehörige Fußvolk, nicht über längere Zeit an einem oder an wenigen Punkten eines Reiches konzentrieren konnten, sondern mehr oder weniger gleichmäßig über das Reich verteilt waren. Ganz im Gegensatz dazu stand die Fähigkeit des vergangenen Römischen Reiches, Kasernen mit einem stehenden Heer an vielen Punkten des Reiches, überwiegend in Grenzbereichen gelegen, finanzieren und dauerhaft betreiben zu können. Das nachrömische Europa hat viele Jahrhunderte benötigt, um diesen Stand und diese Organisationsmöglichkeiten erneut zu erreichen.

Mobilmachungen dauerten aufgrund der räumlich verteilten Kriegerschaft entsprechend lange und es war so auch nicht möglich, alle Streitkräfte eines Reiches jederzeit verfügbar halten zu können. Aus diesem Grund waren Kriegszüge im Mittelalter überwiegend keine Massenschlachten mit vielen hunderten oder gar tausenden von Kämpfern, wie es sehr oft auch in der zeitgenössischen Literatur übertrieben angegeben wurde, um einen Sieg oder eine Niederlage besonders heroisch darstellen zu können. Auch die viel häufigeren Konflikte des Adels untereinander, die sich in kriegerischen Fehden entluden, wurden mit zahlenmäßig geringen Kräften ausgetragen.

Durch das feudale System war allerdings auch die Zahl der zur Verfügung stehenden Ritter begrenzt, da ein Vielfaches an Personen benötigt wurde, um einen einzelnen Ritter wirtschaftlich versorgen zu können. Es wurden auch verhältnismäßig hohe Anforderungen an Waffen und Ausrüstung gestellt, die nur eine größere Bauerngemeinschaft finanzieren konnte. Dies galt auch für die Marschverpflegung: Die Kämpfer mussten selbst für ein entsprechendes Kontingent an Nahrungsmittelvorräten sorgen und diese zum Kriegszug mitbringen. Dadurch war es im Regelfall auch nicht möglich, Krieger von weit entfernten Gebieten zu einem Kriegszug zu rufen, weil die Nahrungsmittelvorräte nicht so lange hielten und die Anreise darüber hinaus entsprechend viel Zeit in Anspruch nahm.

Da im zunehmenden Geschichtsverlauf die Bedeutung des Finanzwesens stetig zunahm, kam es im späteren Mittelalter häufig zur Verarmung von Rittern, da diese sich zwar Nahrungsmittel „leisten“ konnten, aber Ausrüstung, Dienstleistungen und Zahlungen an die jeweiligen Lehnsherren zunehmend in Geld zu entrichten waren, da dieses für den höheren Adel beliebig „speicherbar“ und wesentlich universeller einsetzbar war als direkte Naturalien, die schnell verderben konnten. Diese Geldbeschaffung gelang am ehesten, wenn ein Belehnter größere, wirtschaftsstarke Siedlungen, Städte oder Bergwerksbetriebe sein Eigen nennen konnte. Ein kleiner Ritter mit wenigen, kleinen Dörfern hatte hier das Nachsehen. Hinzu kamen die Probleme der Erbteilung, wodurch das Gebiet, welches zur Versorgung eines Ritters zur Verfügung stand, stetig kleiner wurde. Zusätzlich mit der Entwicklung der Schusswaffen, die neue militärische Taktiken ermöglichten, führte dies zum Ende des Rittertums und zu einer weiteren Schwächung des Lehnsherren und Vasallen-Verhältnisses.

Es begann nun die Zeit der Massenheere, die aus Söldnern bestanden. Zu jener Zeit gab es dann auch viel mehr und größere, entwickeltere Städte, einen dadurch ausgedehnteren Handel und eine insgesamt größere Bevölkerungszahl als noch zu Zeiten des Mittelalters. So war es dann auch rein ökonomisch betrachtet überhaupt erst möglich, größere Heere zu unterhalten. Die logistische Versorgung dieser Heere blieb aber stets eine große Herausforderung und oft führten durchziehende Truppen zu Plünderungen und Verwüstungen bei der ansässigen Bevölkerung. Nach einer Schlacht entlassene Söldner durchzogen bis zu ihrer nächsten Anwerbung wiederum die Gebiete und verbreiteten Leid und Schrecken bei der Bevölkerung.

Große, dauerhaft stehende Heere waren erst mit noch größeren Bevölkerungszahlen möglich, was mit dem Prinzip des Lehnswesens im Mittelalter so nicht umsetzbar gewesen wäre.

Ende des Lehnswesens

Als die zentrale Macht der Kaiser und Könige schwand, was auch durch die Erblichkeit der Lehen resultierte, und somit die Macht des Adels wuchs, brachte das Lehnswesen nicht mehr die Unterstützung, wie sie ursprünglich gegolten hatte. Der Lehnseid war schließlich nur noch eine Formsache, der quasi keine weitere Bedeutung mehr entfaltete.

Der Adel versuchte nun zunehmend aus den auch durch das Lehnswesen entstandenen unüberschaubaren Gebietsflecken ein möglichst zusammenhängendes Gebiet zu formen, aus denen dann im Lauf der Zeit die Territorialstaaten hervorgingen.

Weblink

Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Lehnswesen“

Literatur

  • Hans Delbrück, „Geschichte der Kriegskunst: Das Mittelalter und Die Neuzeit“, ISBN 3-937872-42-6

Fußnoten

  1. Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Ministeriale“