Karlsruhe (1898)

Aus dem Stadtwiki Karlsruhe:

Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Buch Die Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe stellt das Karlsruhe des Jahres 1898 deren Gästen vor.

Der Artikel wird das Buch in Auszügen wiedergeben und sich an die Rechtschreibung von 1898 halten.

Inhaltsverzeichnis

Vorspann

Umschlag

Die Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe

Im Auftrage des Stadtrats verfasst
von
Franz Sales Meyer
Professor

Seite III

Die Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe

Ein Führer für deren Gäste mit 32 Ansichten, einem Kärtchen der Umgegend und einem Stadtplan.

Drittes und viertes Tausend

Selbstverlag der Stadt und Verlag der Macklot'schen Buchhandlung, 1898

Seite IV

Macklot'sche Druckerei, Karlsruhe.

Die Kupferdruckplatten der Abbildungen sind von

Edm. Gaillard, Berlin SW, Lindenstrasse 69

geliefert und nach Photographien von

Franz Bengler, R. Morat und Th. Schuhmann & Sohn

hergestellt.

Seite V bis VII

Inhalt (Seitenzahlen in Klammer)

Einleitung (1)

I. Lage, Klima und Bevölkerung (2)
II. Aus der Geschichte der Gegend und Stadt.
Die Gegend zur Römerzeit (4)
Gründung des Badischen Fürstenhauses (4)
Gottesaue (5)
Mühlburg (6)
Gründung der Stadt Karlsruhe (7)
Klein-Karlsruhe (9)
Karl Friedrich (9)
Neubau des Schlosses und Privatbauthätigkeit (10)
Fr. Weinbrenner (11)
Hübsch und Eisenlohr (13)
Die neueste Stadtentwicklung (14)
Wasserleitung, Kanalisation, Rheinhafen (16)
III. Kunst, Wissenschaft und Sammlungen
Gärten und Orangerien (19)
Gr. Hoftheater (20)
Der Hof als Sammelpunkt berühmter Leute (21)
Hebel und Scheffel (21)
Malerei und Bildhauerei (22)
Die Kunsthalle (23)
Die vereinigten Sammlungen (27)
Das Kunstgewerbemuseum (31)
Die Landesgewerbehalle (32)
Das Generallandesarchiv (32)
Das städtische Archiv (33)
IV. Schule und Unterricht
a. Staatliche Schulen (34)
b. Städtische Schulen (36)
c. Schulen des Badischen Frauenvereins (38)
d. Privatschulen (38)
V. Handel, Gewerbe und Verkehr
Entwickelungsgang (40)
Fabriken mit über 100 Arbeitern (42)
Kunstgewerbliche Betriebe (43)
Statistisches (44)
VI. Behörden (45)
VII. Das Militär (46)
VIII. Vereinsleben und Geselligkeit (47)
IX. Durch und um die Stadt.
a. Vom Hauptbahnhof zum Schloss (50)
b. Der Hardtwaldstadtteil (59)
c. Durch die Kaiserstrasse (61)
d. Das Ostend, Friedhöfe, Schlachthof etc. (66)
e. Der Bahnhofstadtteil (69)
f. Das Sallenwäldchen und der Stadtgarten (70)
g. Südend, Westend und Kriegsstrasse (78)
X. Die Umgegend auf 10 km Entfernung.
a. In nördlicher Richtung (82)
b. In westlicher Richtung (83)
c. In südlicher Richtung (85)
d. In östlicher Richtung (87)
XI. Grössere Ausflüge bis zu 50 km Entfernung (89)
XII. Droschken-Tarif (91)
XIII. Dienstmann-Tarif (94)
XIV. Posteinrichtungen (95)
XV. Gepäck- und Expressgutverkehr (97)
XVI. Tag- und Stundenzettel für Sammlungen und andere Sehenswürdigkeiten
XVII. Verzeichnis der Strassen und Plätze im Hinweis auf den beigegebenen Stadtplan. (105)

Seite VII + VIII

Verzeichnis der Abbildungen.

  1. Karlsruhe, vom Gr. Schloss aus gesehen. (nach Seite 8)
  2. Das ehemalige Schloss Gottesaue, jetzt Kaserne (nach Seite 6)
  3. Das Gr. Residenzschloss mit dem Schlossplatz. (nach Seite 10)
  4. Der Marktplatz mit der evang. Stadtkirche (nach Seite 12)
  5. Das Rathaus (nach Seite 12)
  6. Der Porphyrsaal im Gr. botanischen Garten. (nach Seite 14)
  7. Das Palais Schmieder, Ecke der Karl- und Akademiestrasse. (nach Seite 14)
  8. Das Gebäude der vereinigten Sammlungen, Erbprinzenstrasse. (nach Seite 14)
  9. Die altkatholische Auferstehungskirche im Westend. (nach Seite 16)
  10. Villenquartier in der Riefstahlstrasse. (nach Seite 16)
  11. Das Kunstgewerbemuseum, Westendstrasse. (nach Seite 32)
  12. Das Hotel Germania, Karl-Friedrichstrasse. (nach Seite 50)
  13. Der Malschbrunnen, Karl-Friedrichstrasse. (nach Seite 50)
  14. Das Kriegerdenkmal am Eisenbahnübergang der Ettlinger Strasse. (nach Seite 52)
  15. Die katholische Stadtkirche St. Stephan, Erbprinzenstrasse. (nach Seite 52)
  16. Der Schlossgartensee nach Norden. (nach Seite 58)
  17. Der Schlossgartensee nach Süden. (nach Seite 58)
  18. Das Scheffeldenkmal auf dem Kunstschulplatz. (nach Seite 60)
  19. Die Jahnstrasse im Hardtwald-Stadtteil. (nach Seite 60)
  20. Das Kaiserdenkmal am Mühlburgerthor. (nach Seite 62)
  21. Die Kaiserstrasse vom Marktplatz nach Osten. (nach Seite 64)
  22. Das Karl-Wilhelm-Schulhaus vor dem Durlacherthor. (nach Seite 66)
  23. Die evangelische Johanniskirche im Bahnhofstadtteil. (nach Seite 70)
  24. Das städtische Vierordtbad. (nach Seite 72)
  25. Die städtische Festhalle, Haupteingang. (nach Seite 72)
  26. Der Stadtgartensee mit der Festhalle. (nach Seite 74)
  27. Der Lauterberg mit dem Schwarzwaldhaus. (nach Seite 76)
  28. Die Hirschbrücke mit Umgebung. (nach Seite 78)
  29. Das Schulhaus in der Leopoldstrasse. (nach Seite 78)
  30. Das Erbgrossh. Palais in der Kriegsstrasse. (nach Seite 80)
  31. Die Nymphengruppe im Erbprinzengarten. (nach Seite 80)
  32. Der Karlsruher Turm auf dem Mahlberg. (nach Seite 80)

II. Aus der Geschichte der Gegend und Stadt.

Seite 4

Zu Beginn unserer Zeitrechnung war die Rheinebene römisches Zehntland, zur Provinz Germania superior gehörig. Das Hardtwaldgebiet war eine Inselgruppe des Rheins. Neben dem heutigen Strombett zog sich ein zweites, nunmehr verschwundenes längs der Schwarzwaldvorberge und der Kraichgauer Hügel hin und als ungefähre Grenze des Überschwemmungsgebietes kann die uralte Bergstrasse gelten, welche von Basel nach Darmstadt zieht. Die Nachbarstädte Durlach und Ettlingen liegen an dieser Strasse; die heutigen Orte Muggensturm, Rüppurr, Staffort, Karlsdorf, Kißlau, St. Leon waren ehemals Römerfesten zur Deckung des Land- und Wasserweges. Die nächstgelegenen grösseren Römerplätze sind Baden-Baden (Civitas Aurelia Aquensis) , Speyer (Nemetis), Germersheim (Vicus Julius) etc.

Im 3. Jahrhundert bemächtigten sich die Alemannen der Gegend und zu Ende des 5. Jahrhunderts erschienen die Franken, unter denen das Christentum zur Einführung gelangte. Die Gaue der Oos, Alb und Pfinz bildeten zusammen den Ufgau, welcher weltlich von fränkischen Gaugrafen und kirchlich vom Bistum Speyer beherrscht wurde. Die von da ab sesshaft gebliebene Bevölkerung kann als eine Mischung keltisch-römischer, alemannisch-schwäbischer und rheinfränkischer Elemente gelten, was auch in Sprache und Mundart zum Ausdruck gelangt.

In das 11. Jahrhundert fällt die Gründung des Badischen Fürstenhauses. Albrecht von Kalw, Graf im Ufgau, vermählte seine Tochter Juditha an Hermann, den jüngeren Sohn

Seite 5

Berthold I., Grafen von Zähringen, wodurch die Kalw'sche Herrschaft Baden an der Oos als mütterliches Erbe an Hermann II., den erstgeborenen Sohn dieser Ehe gelangte. Das väterliche Erbe war die Herrschaft Hochberg im Breisgau, und so konnten sich die Nachfolger Markgrafen von Baden und Hochberg nennen. Späterhin, im Jahre 1527, erfolgte eine Trennung des Fürstenhauses in zwei Linien, womit eine Teilung in eine obere und untere Markgrafschaft mit den Hauptstädten Baden und Durlach verbunden war. Die ungefahre Grenze war der Lauf der Alb. Mit dem Aussterben der Linie Baden-Baden im Jahre 1771 vereinigten sich die beiden Besitze wieder in der Hand Karl Friedrichs, um nach Gründung des Grossherzogtums Baden im Jahre 1806 ein Hauptbestandteil desselben zu werden.

In das 11. Jahrhundert fällt auch die Gründung des Inselklosters Gottesaue, der der Stadt Karlsruhe nächstgelegenen Niederlassung aus alter Zeit. Die durch Berthold von Hohenburg und Forchheim in's Leben gerufene, der Jungfrau Maria und den zwölf Aposteln geweihte Benediktinerabtei hatte im Lauf der Zeiten unterschiedliche Schicksale und wusste sich zahlreiche Güter und Rechte zu erwerben. Sie kultivierte das Land und trat in ein besonders enges Verhältnis zu dem »Volk der sieben Dörfer«, welche offenbar schon frühzeitig eine Genossenschaft unter sich gebildet hatten (Beiertheim-BulachNeureuth [eine Gründung des Klosters] — EggensteinGrabenBlankenlochHagsfeldRintheim). Die 1094 gegründete, 1103 eingeweihte, 1110 kaiserlich und 1122 päpstlich bestätigte Abtei wurde im Bauernkriege 1525 geplündert und zerstört, 1556 aufgehoben und in ein herrschaftliches Kammergut verwandelt. In die Jahre 1588 bis 1599 fällt die Errichtung eines Lustschlosses durch den Markgrafen Ernst Friedrich. Der 53 m lange und 13 m breite Renaissancebau steht heute noch und zeigt in manchen Einzelheiten sich ver-

Seite 6

wandt mit dem gleichzeitigen Friedrichsbau des Heidelberger Schlosses. Der Baumeister kam von der Strassburger Hütte. Mehrere Brände und die Zerstörung durch Melac im Jahre 1689 haben den Bau stark geschädigt. Das Innere wurde im vorigen Jahrhundert (nach einem Brand im Jahre 1735) erneuert und die Zwiebeldlicher an Stelle der einstigen Spitzdächer stammen aus dem Jahre 1740. lm Jahre 1789 wurde das Kammergut landwirtschaftlich als Schäferei eingerichtet und seit 1818 dient es als Artilleriekaserne mit verschiedenen Neubauten, welche hinzugekommen sind. Die Abbildung 2 zeigt dieses älteste Bauwerk von Karlsruhe in seinem dermaligen Zustande.

Im 13. Jahrhundert schon wird das Schloss Mühlberg erwähnt. Im 16. Jahrhundert wird es zu einer festungsartigen Fürstenburg vergrössert und um die Mitte des 17. Jahrhunderts wird es von Friedrich VI. nochmals umgebaut und verschönert, um im Jahre 1689 von den Franzosen zerstört zu werden. Das um die Tiefburg liegende Dorf wurde von dem genannten Markgrafen zur Stadt erhoben, teilte aber mit dem Schloss das Schicksal der Zerstörung und Verwüstung. Die wieder aufgeblühte Nachbarstadt ist 1886 in Karlsruhe aufgegangen und bildet seitdem den Stadtteil Mühlburg.

Die vielverzweigten Arme des einstigen Altrheins sind heute verschwunden; sie sind zu Wiesengelände und Niederwald geworden. Wer eine Karte der Gegend daraufhin betrachtet, wird unschwer die Stellen der alten Wasserläufe erraten können. Es sind diejenigen, auf welchen die Herbstnebel zuerst erscheinen. Die breiten Wasser sind zusammengeschrumpft zu harmlosen Gräben; manch alte Strasse dient als Feldweg und wo einst mächtige Eichen erwuchsen, trägt der veränderte Boden Forlenbestände. Die Gegend hat sich längst gelichtet und spärlicher werden von Jahr zu Jahr die Waldreste der einstigen Lusshard”.

Seite 7

Die Schiesswiese und die Wiesen beim Wasserwerk sind alte Sumpfgebiete in nächster Nähe der Stadt. Manche Stellen sind künstlich höher gelegt worden, so z. B. die Plätze, auf denen der Hauptbahnhof (historisch) und die Festhalle stehen. Von Natur aus höher gelegene SteIlen bildeten offenbar schon vor tausend Jahren bewohnte Inseln und Halbinseln (Büchig, Hagsfeld, Rintheim, Aue, Bulach-Beiertheim, Scheibenhardt) und ähnliches gilt von den Ansiedelungen am sog. Hochgestade des jetzigen Rheinlaufs (Forchheim, Daxlanden, Knielingen etc.). Inmitten des einstigen Surnpf- und Urwaldgebietes zwischen den beiden Armen des Rheins soIlte die Stadt Karlsruhe erstehen.

Markgraf Karl Wilhelm gelangte im Jahre 1709 zur Regierung. Dem thatendurstigen, vielgereisten und vielseitig gebildeten Kriegsmann und Fürsten, der eine ausgesprochene Liebhaberei für Jagd und Gartenkunst hatte, war die Stadt Durlach als Residenz verleidet. Das dortige Schloss, welches in grossartiger Anlage an SteIle der von den Franzosen zerstörten alten Karlsburg im Bau begriffen war, blieb unvoIlendet, um heute als Kaserne zu dienen. Mitten im Walde, 5 km nach Westen wurde der Platz für einen bescheidenen, in Holz auszuführenden Neubau erkoren. Im Frühjahr 1715 wurde ein kreisrunder Platz ausgestockt und mit einem Zaun umgeben; der Mittelpunkt wurde für den Schlossturm bestimmt, an den sich nach Süden, durch eine Galerie verbunden, der Hauptbau und 2 Seitenflügel anschliessen sollten; 32 gleichrnässig verteilte AIleen, von dem Turm aIs Zentrum auslaufend, wurden ausgehauen; neun derselben soIlten das Schloss, den Schlossplatz und die vorzulegende Stadt umfassen, welche damit die Gestalt eines Fächers annahm, während die übrigen 23 AIleen als Waldwege nach Westen, Norden und Osten verliefen, zum Teil nach den benachbarten Ortschaften führend. Der nordöstliche Teil des Waldes wurde als Wildpark ein

Seite 8

gefriedigt, der östliche als Fasanengarten angelegt; der Blumenzucht und Gartenkunst blieb der nach Süden gelegene Schlossplatz vorbehalten. Für die Stadt waren 16 Häuserviertel vorgesehen, von einander getrennt durch die genannten 9 Alleen, durch 2 concentrische, sich dem Schlossplatz anschmiegende Zirkelstrassen und eine gerade, in der Richtung von Durlach nach Mühlburg laufende Strasse (jetzige Kaiserstrasse). Der originelle, der Hauptsache nach dem Erbauer selbst zuzuschreibende Gedanke tritt heute noch verkörpert in die Erscheinung trotz der wesentlich veränderten Verhältnisse und der Abweichungen, die nötig wurden in Folge einer räumlichen Ausdehnung, welche der fürstliche Gründer nicht ahnen konnte.

Am 17. Juni 1715 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung des achteckigen Schlossturmes. Der ursprünglich circa 60 rn hohe Turm steht in seinem unteren Teile heute noch als Rest der im iibrigen längst durch anderes ersetzten Anlage. Drei Jahre später wurde bereits das Schloss bezogen und gleichzeitig wurden die Staatsstellen und Kanzleien von Durlach nach Karlsruhe verlegt, nachdem die zur Unterbringung erforderlichen Bauten erstellt waren. Mit dieser Verlegung ging die private Ansiedelung Hand in Hand. Die sich Niederlassenden erhielten allerlei Vorzugsrechte eingeräumt. Das Bauen wurde durch unentgeltliche Holzabgabe erleichtert; anderseits war bedingt, sich dabei an ein vorgeschriebenes Modellhaus zu halten. So sammelte sich eine kleine Bürgerschaft, die bereits 1718 ihren ersten Bürgermeister wählte (Joh. Sembach aus Strassburg). Im Jahre 1720 stunden 135 Häuser mit 2000 Bewohnern; 1722 wurde die ursprüngliche evangelische Stadtkirche auf dem Platze der jetzigen Pyramide erbaut; 1728 erstund das alte Rathaus, wo sich nunmehr die Bielefeld'sche Hofbuchhandlung befindet, und gegenüber lag, anderseits der Kirche, das Gymnasium, welches 1722 von

Seite 9

Durlach herübergesiedelt war. Neben der eigentlichen Stadt mit ihrem Bürgertum erwuchs gleichzeitig ein "Klein-Karlsruhe" im Südosten, demjenigen Stadtteil, der im Volksmund noch heute als „Dörfle” bezeichnet wird. Wer sich den erlassenen Bauvorschriften nicht fügen wollte oder konnte, fand hier Grund und Boden. In willkürlicher Anordnung reihten sich hier Häuschen bescheidenster Art, von zugezogenen Arbeitern und anderen kleinen Leuten bewohnt. An dieser Stelle bildete sich zunächst eine Gemeinde neben der eigentlichen Stadt, in der sie später (1812) aufging und hier wurde das einheitlich angelegte Bausystem zuerst ausser Acht gelassen.

Noch zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren die zweistöckigen Holz-Häuser nach dem alten Modell keine Seltenheit; heute sind sie verschwunden bis auf ein paar wenige, deren Tage ebenfalls gezählt sind. Es ist ein Verdienst Karl Wilhelms und ein Glück für die Stadt, dass die Strassenbreiten von ehedem auch der heutigen Bauweise noch genügen.

Eine neue Zeit für die Stadt Karlsruhe beginnt mit dem Regierungsantritt Karl Friedrichs im Jahre 1746. Erst Markgraf von Baden-Durlach, dann auch von Baden-Baden (1771), später Kurfürst (1803) und schliesslich Grossherzog von Baden (1806) konnte dieser Flirst während einer 65jährigen, segensreichen Herrschaft den anfänglichen Besitz verzehnfachen (von 1600 ² km Land mit 98000 Seelen auf 15000 ² km mit 975000 Einw.) Dementsprechend sollte auch die Haupt- und Residenzstadt ihren Aufschwung nehmen. An Stelle einer Stadt aus Holz sollte eine steinerne treten, da sich gar bald zeigte, dass man mit Holz zwar billig, aber nicht dauerhaft baut. Behufs Beischaffung der Bausteine aus dem nahen Pfinzthale wurde ein Kanal von Durlach nach Karlsruhe gegraben. Dieser Steinschiffkanal, 1750 begonnen und in kurzer Zeit vollendet, wurde aus vorhandenen Gräben und Bächen gespeist, lief in gerader Linie von Durlach zum Durlacherthor

Seite 10

und hier abbiegend an das Rüppurrerthor, wo die heutige Steinstrasse noch mit ihrem Namen an die alte Beziehung erinnert. Die Fortsetzung nach Westen bildete der ebenfalls vorhandene, über Mühlburg in die Alb abfliessende Landgraben. Damals durchweg offen und vielfach überbrückt, wurde der letztere späterhin beim Ausbau der Stadt nach Bedarf überwölbt. Der vollständige Schluss, sowie die Unterfangung und Tieferlegung für die Zwecke der Stadtentwässerung fällt in die letzten Jahrzehnte unserer Zeit. Die bekannte Durlacher Allee mit ihren jetzt verschwundenen Pyramidenpappeln, dem Steinschiffkanal entlang laufend, ist eine Errungenschart aus dem Jahre 1770.

Mit dem Neubau des Schlosses an Stelle des alten, bereits schadhaft gewordenen, wurde 1752 begonnen; etwa 23 Jahre später war es sammt seinen Neubauten äusserlich vollendet; die völlige Fertigstellung fällt in das Jahr 1782. Bei diesem Anlass wurde auch der Schlosshof mit dem davorliegenden Schlossplatz umgestaltet. Der letztere wurde mit Baumreihen bepflanzt und der hinter dem Schlosse gelegene Schlossgarten wurde nach englischer Art angelegt und öffentlich zugänglich gemacht. Beide Teile, Schlossplatz und Schlossgarten, haben bis auf heule noch mancherlei Änderungen und Zuthaten erfahren. Der erstere erhielt sein ungefähres jetziges Aussehen in den Jahren 1815;ndash;1820; die überkieste, als Paradeplatz dienende Mitte wurde erst 1873 ebenfalls in Gartenanlagen verwandelt. (Vergleiche Abbildung 3.)

Die private Bauthätigkeit machte zunächst langsame Fortschritte, da die Stadt im Jahre 1765 erst 328 Häuser mit 2800 Einwohnern zählte. Die ersten Steinhäuser erstunden in der Waldhornstrasse und in der Nähe des Marktplatzes. Mit dem Erbanfall im Jahre 1771 und dem Zuzug der Beamten der ausgestorbenen Linie hebt sich die Bauthätigkeit merklich. 1776 wird die Stadt gepflastert und mit Laternen versehen.

Seite 11

Verschiedene der Radialstrassen werden bis zum Landgraben verlängert und über denselben geführt. Die Erbprinzen- und die Spitalstrasse werden angelegt; man projektiert den heutigen Marktplatz und macht anderweitige Pläne zur Stadterweiterung. 1776 wird die reformierte Kirche (“Kleine Kirche” in der Kreuzstrasse) zur Benützung fertig, 1779 das Zeughaus in der Nähe des 1772 erbauten und 1875 abgetragenen Durlacherthors. In die Zeit von 1780-1800 fällt die Erbauung des Spitals, der jetzt von den Ministerien eingenommenen Gebäude am Schlossplatz und verschiedener Häuser in der Nähe des Rondellplatzes (Vierordt, Griesbach etc.). Die ursprünglichen Stadtthore sind schon mehrfach nach aussen gerückt und da- bei monumentaler gestaltet worden.

Zu Beginn des 19. Jahrbunderts tritt Friedr. Weinbrenner in die Bauthätigkeit seiner Geburtsstadt ein, um dieselbe auf drei Jahrzehnte zu beherrschen. Der 1766 geborene Zimmermannssohn, welcher in Wien und in Italien seine Studien gemacht hat, findet eine grosse Baulust vor, hinter der aber in den Kriegswirren stark gelichtete Kassen stehen. Das erklärt vollauf die einfache und zum Teil karge Ausstattung seiner grossräumig und in schönen Verhältnissen angelegten Bauwerke und man kann nur bedauern, dass dem genialen Arcbitekten, der der Residenzstadt ihre charakteristische Erscheinung gegeben hat, nicht die heutigen Mittel zur Verfügung slunden.

Der ursprüngliche Plan zur Ausgestaltung des Marktplatzes rührt von Mauritio Pedetti her. Weinbrenner hat ihn mit starker Vereinfachung zum Teil benützt. 1801 baut er sich ein Haus auf dem Platze, wo heute das Hotel Germania steht, und 2 Jahre später wird von ihm daneben das Ettlingerthor als dorischer Triumphbogen errichtet (1873 abgetragen, nachdem es 1871 noch als porta triumphalis beim Einzug der Sieger gedient hatte). 1803 wird der alte Friedhof endgiltig beseitigt und vom Marktplatz an das Ende der Waldhornstrasse

Seite 12

verlegt. 1807 wird der Grundstein zur protestantischen Stadtkirche gelegt, die aber erst 1816 eingeweiht werden kann (Abbildung 4). 1821 wird das neue Rathaus begonnen (Abbildung 5) und 1823 wird die Pyramide als Denkmal für den Gründer der Stadt errichtet an Stelle der ersten Konkordienkirche, in welcher er beigesetzt war. Das alte Lyceum am Marktplatz, das Markgrafenpalais am Rondellplatz, die katholische Stadtkirche, die frühere Synagoge, das Ständehaus, das Museum, die Münze, die zum Teil wieder verschwundenen Bauten in den Erbprinzengärten, die Wachthäuser am Mühlburgerthor, sowie verschiedene Privathäuser haben ebenfalls Weinbrenner zum Erbauer, dessen Geist überdies in den Werken seiner zahlreichen Schüler ihn selbst überdauert hat. Er starb 1826.

Im Jahre 1811 war Karl Friedrich heimgegangen. Eine Angabe über die Bevölkerungszahl von Karlsruhe aus diesem Jahre liegt nicht vor; 1812 aber hatte die Stadt bereits 13727 Einwohner zu verzeichnen. Unter der Regierung des Grossherzogs Karl (1811 - 1818) und des Grossherzogs Ludwig (1818-1830) wurden die früheren Unternehmungen zu Ende geführt und neue Aufgaben in ähnlichem Sinne gelöst. Der Weinbrenner'schen Bauten aus dieser Zeit ist bereits gedacht. In dieselbe fallen auch die Anlage von Gehwegen oder Bürgersteigen in der Kaiserstrasse, die Gründung der Akademie-, Stephanien-, Hirsch-, Leopold- und Lindenstrasse, die wie die meisten Karlsruher Strassen zunächst andere Namen hatten, die Anlage eines Promenadeweges nach Mühlburg und einer Haupt- und Poststrasse vom Ettlingerthor nach Ettlingen, womit der Haupteintritt in die Stadt von Süden her vom Rüppurrerthor an das Ettlingerthor verlegt wurde. Die Einwohnerzahl von 20 000 wird 1833 erreicht.

Während der Regierung des Grossherzogs Leopold (1830 bis 1852) liegt die Lösung der baulichen Aufgaben haupt

Seite 13

sächlich in den Händen der Architekten Hübsch und Eisenlohr und deren Schüler. Beide, aus Weinbrenner's Schule hervorgegangen, suchen für ihre Werke einen neuen stilistischen Ausdruck; beide sind Lehrer der Bauschule des 1825 gegründeten Polytechnikums. Als Romantiker der Baukunst greifen sie zurück auf die Formen der mittelalterlichen Stile, dieselben mit antiken Elementen verbindend und der Neuzeit anpassend. Hübsch macht den Versuch, dem Backsteinrohbau auch bei uns zu Ehren zu verhelfen und redet für den Kirchenbau der alten Basilikaanlage das Wort. Eisenlohr will die unverhüllte Konstruktion künstlerisch verwerten und schafft in zahlreichen kleineren uud grösseren Bauwerken originelle und wirksame Architekturstücke, wozu insbesondere die von 1840 ab nötig werdenden Bahnbauten Gelegenheit bieten. Als Dritter im Bunde sei Fr. Th. Fischer genannt, dessen Thätigkeit sich hauptsächlich im Kirchenbau des Landes geltend macht, nach dessen Entwürfen aber auch verschiedene Bauten der Residenz zur Ausführung kamen.

Von Hübsch sind u. a. erbaut: die Orangerie und die Pflanzenhäuser des botanischen Gartens (1853-57; Abbildung 6), das Finanzministerium am Schlossplatz (1829-33), das Hoftheater (1851-1853) an Stelle des 1807 von Weinbrenner gebauten und 1847 abgebrannten alten Theaters, die Kunsthalle oder Bildergalerie (1836-45), das Ministerium in der Erbprinzenstrasse (1855-57), der Hauptbau des Polytechnikums (1833-35) und die Kirche im benachbarten Bulach. Nach Eisenlohr's Plänen sind ausgeführt: der Hauptbahnhof (1842) und die Kapelle auf dem alten Friedhof. Von Fischer stammen: das Pfründnerhaus, die Maschinenbauschule des Polytechnikums und die Erweiterung der Hauptfront desselben.

Die neueste Periode der Haupt- und Residenzstadt beginnt, geschichtlich genommen, mit dem Regierungsantritt des Grossherzogs Friedrich im Jahre 1852. In baugeschichtlicher Hin-

Seite 14

sicht kann die Mitte der sechziger Jahre als Bcginn der neuesten Stadtentwickelung gelten. 1865 zählt Karlsruhe 31 000 Einwohner; diese Zahl ist in den letzten 33 Jahren stetig gewachsen und auf 90 000 gestiegen. Es ist selbstredend, dass diese rapide Bevölkerungszunahme eine dementsprechende Erweiterung des Strassennetzes und der Häuserquartiere bedingt hat. Da diese Erscheinung keine rein örtliche ist, sondern dem Vorgange in vielen anderen Städten entspricht, so mögen die naheliegenden Gründe für dieselbe hier unerörtert bleiben. Konnte man die Architekten der früheren Bauperioden jeweils an den Fingern einer Hand aufzählen, so wären heute hierzu zehn Hände erforderlich. Blieb die Monumentalarchitektur früher den Staats- und städtischen Bauten vorbehalten, während das Privathaus bis 1750 ein Holzhaus nach holländischem Muster war und auf weitere 100 Jahre zwar solid in Stein, aber ohne besonderen Schmuck erbaut wurde, so erscheint dasselbe neuerdings durchschnittlich in künstlerischer Ausstattung und nicht selten im Gewande der Palastarchitektur. Für gewöhnlich sind es die Formen der italienischen und deutschen Renaissance, welche zur Ausschmückung dienen; es sind aber in den letzten paar Jahren auch originelle Neubauten erstellt worden, die sich an die Stile des Mittelalters und an den englisch-amerikanischen Villenstil anlehnen. Der erwachten Baulust kommt der Umstand wesentlich zu gut, dass ein vorzügliches Sandsteinmaterial von roter, weisser, grüner und gelber Färbung in nächster Umgebung vorhanden ist und dass es gleichzeitig auch an den übrigen Baustoffen nicht fehlt.

Es würde zu weit fuhren, die neuern Architekten alle namhaft zu machen. Sie sind grösstenteils aus der Bauschule des hiesigen Polytechniknms hervorgegangen, an welcher die Bauräte Hochstetter, Lang, Durm und Warth lehrten, als die neue Richtung ins Leben trat. Nach ihnen haben Oberbaurat

Seite 15

Schäfer, die Privatarchitekten Gustav Ziegler, Curiel & Moser und Hermann Billing am meisten Schule gemacht.

Durm, der jetzige Oberbaudirektor, hat u. a. gebaut: die Festhalle, das Vierordtbad, die Synagoge, den Camposanto, das Palais Schmieder (vergl. Abbildung 7), das Kunstgewerbemuseum und die Kunstgewerbeschule, das neue Amtsgefängnis, das erbgrossherzogliche Palais und das Bezirksamt. Oberbaurat Hochstetter hat die Artilleriekaserne Gottesau, Oberbaurat Lang die Lehrerseminare I und II, die Centralturnhalle, die höhere Mädchenschule, das Realgymnasium, das Atelierhaus, die Villa Schenck, das Model'sche Haus und den Malschbrunnen, Oberbaurat Warth das Schulhaus in der Markgrafenstrasse, das elektrotechnische Institut der Hochschule und die Sachs'sche Hofapotheke gebaut.

Von grösseren öffentlichen Bauten neuerer Zeit sind ausserdem zu nennen: die Generaldirektion der Verkehrsanstalten (Helbling) und die vereinigten Sammlungen (Berckmüller, vergl. Abbildung 8) am Friedrichsplatz, der Justizpalast (Leonhard), die Baugewerkeschule (Kircher), das Ludwig-Wilhelm-Krankenheim und die Versicherungsanstalt (A. Weinbrenner) , die Versorgungsanstalt und die Rheinische Creditbank (Hanser), die protestantische Südstadtkirche (Diemer), die katholische Südstadtkirche (Fr. J. Schmidt), die katholische Kirche der Vorstadt Mühlburg (Williard), die altkatholische Kirche (Schäfer, vergl. Abbildung 9) , die Christuskirche (Curjel & Moser), beide vor dem Mühlburgerthor, die Bernharduskirche (Meckel) vor dem Durlacherthor, die Gr. Grabkirche (Hemberger) im Fasanengarten, das Generalkommando (Devin), die Kadettenanstalt, die neue Dragoner- und die neue Infanteriekaserne.

Seit 1882 erledigt Stadtbaumeister W. Strieder die baulichen Aufträge der städtischen Verwaltung. Nach seinen Entwürfen sind u. a. ausgeführt: die grossen monumentalen Schulhäuser in der Gartenstrasse, in der Leopoldstrasse, in der

Seite 16

Kriegstrasse und in der Karl-Wilhelmstrasse, das Friedrichsschulhaus in der Kaiserallee, das Hildahaus in der Scheffelstrasse, das Luisenhaus in der Bahnhofstrasse und die nelle, mustergiltige Schlachthausanlage in der Durlacher Allee.

Die private Bauthätigkeit hat sich besonders hervorragend gezeigt in der Kaiserstrasse (früher Lange Strasse) und ihren Fortsetzungen nach Durlach und nach Mühlbllrg, in der Kriegs- und Westendstrasse, in der Bismarck- und Moltkestrasse, sowie in dem Villenquartier des Nordwestendes. Im letztern sind auch hauptsächlich die originellen Bauwerke zu suchen, von denen oben die Rede war (vergl. Abbildung 10).

Im Süden der Stadt, jenseits der Eisenbahn, ist der sog. Bahnhofstadtleil erstanden, der ungefähr den sechsten Teil der Stadt mit etwa 15 000 Einwohnern ausmacht. Ähnliche Häuserquartiere erstehen zur Zeit im Ostend und im Südwestend, welch' letzteres sich schliesslich bis Beiertheim ausdehnen wird. Die genannte Nachbargemeinde setzt der geplanten Vereinigung mit Karlsruhe zur Zeit noch ihren Widerstand entgegen, während Mühlburg dieselbe zum eigenen Vorteil vollzogen hat. Wie die zukünftige Ausgestaltung des Strassennetzes sich gestalten dürfte, kann auf dem beigegebenen Stadtplan ersehen werden. Ein wesentliches Verkehrshindernis ist zur Zeit die Eisenbahn, welche die Stadt in zwei Theile zerlegt. Die angestrebte Höherlegung oder Verlegung der Bahn wird wohl in absehbarer Zeit hierin Wandel schaffen, nachdem die Möglichkeit bereits bei Erbauung der strategischen Bahn nach Röschwoog berücksichtigt ist.

Im Jahre 1862 wurde von der Stadt die Eisenbahn Karlsruhe-Maxau gebaut, welches Unternehmen sich im Laufe der Zeit als höchst gewinnbringend erwiesen hat. Im Jahre 1866 wurde das Dünger- und Kehrichtabfuhrwesen im Sinne einer Grossstadt geregelt. In das gleiche Jahr fallt die Umgestaltung des Sallenwäldchens zu einer öffentlichen Anlage und die

Seite 17

Übernahme des Tiergartens als Anfang der jetzigen Stadtgartenanlage. Im Jahre 1869 ging das bis dahin private Gaswerk, eines der ersten in Deutschland (1844), in die Verwaltung der Stadt über. 1870 bis 1872 wurde die Stadt mit einer neuen Wasserleitung versehen, nachdem die aus dem Jahre 1822 stammende Durlacher Leitung sich unzureichend erwies. Dem dieses Werk durchführenden Oberbürgermeister Malsch hat die Stadt mit dem Monumentalbrunnen gegenüber dem Hotel Germania ein ehrendes Denkmal gesetzt. Die Beschaffung eines neuen Hochbehälters in der Form des künstlich aufgeschütteten Lauterberges fällt in das letzte Jahrzehnt. Unter Oberbürgermeister Lauter vom Direktor der städtischen Gas- und Wasserwerke, Ingenieur Reichard ausgeführt, hat die originelle Anlage den Vorzug, dass sie das Wasser frisch erhält und gleichzeitig eine Zierde des Stadtgartens bildet.

Das Jahr 1877 brachte der Stadt eine Pferdebahn, die genügen muss, bis die geplante elektrische Bahn zur Ausführung gelangt. In den Jahren 1880-86 wurde von Ingenieur und Stadtbaumeister Schück die Korrektion des Landgrabens und die aIlgemeine Entwässerung durchgeführt. Die Gesamtlänge der Kanäle entspricht ungefähr der Gesamtlänge des städtischen Strassennetzes und beträgt zur Zeit etwa 70 km. Die Querschnittsgrösse des Hauptkanals (Landgraben) wird, verglichen mit ähnlichen Anlagen, in Europa nur von den Pariser Kloaken übertroffen. Der Kanal ist auf die ganze überwölbte Länge begehbar und hier finden, wie in Paris, aus Anlass von Technikerversammlungen bei Gasbeleuchtung und mit Musikbegleitung unterirdische Spaziergänge statt. Mit Errichtung des in Sicht befindlicben und im Stadium der Erhebungen und Vorarbeiten stehenden Elektrizitätswerkes wird Karlsruhe in den Besitz sämtlicher technischen Errungenschaften gelangen, welche die Neuzeit von einer Grossstadt verlangt.

Seite 18

Zur Zeit der Gründung lag Karlsruhe mitten im Walde. Nach Norden war die Ausdehnung unzulässig. Um so rascher wurde der südliche Waldrand durchbrochen und heute ist er verschwunden bis auf die Reste des Beiertheimer Wäldchens und des Sallenwäldchens, welches noch rechtzeitig der Überbauung entzogen werden konnte. Die von Haus aus verhältnismässig klein zugemessene Karlsruher Gemarkung hat für die Stadterweiterung schon Iängst nicht zugereicht; die Baulust hat sich auf die Nachbargemarkungen ausgedehnt und die städtische Verwaltung war wiederholt veranlasst, ihr Gebiet, welches rund 13 ²km beträgt, auf dem Wege des Kaufes mit erheblichem Aufwand zu vermehren.

Der ursprünglich auf 90° geöffnete Fächer will sich scheinbar zum vollen Halbkreis ausbreiten. Im Westen fällt wenigstens der Wald diesem Bestreben Stück um Stück zum Opfer. Unter den Augen eines späteren Geschlechtes vollzieht sich vielleicht der Symmetrie halber im Osten dasselbe und die neue Residenz verbindet sich möglicherweise mit der alten in eins. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass die Städte Europas, wenn sie sich beliebig ausdehnen können, es nach Westen thun. Dieser unbewusste Drang schlägt am Ende der Symmetrie ein Schnippchen und rückt die Stadt dem Rheine zu, mit dem sie schon längst durch einen Wasserweg verbunden sein wollte und nunmehr auch verbunden wird. Die Landstände, die staatlichen und städtischen Behörden haben die Mittel und die PIäne für einen Karlsruher Hafen genehmigt. Nach dem von der Rheinbauinspektion in Ausführung genommenen Entwurfe kommt er in die Niederung westlich des Hochgestades beim Stadtteile Mühlburg zu Iiegen und wird mit dem Rhein durch einen 1950 m langen Stichkanal verbunden, der 2,2 km oberhalb Maxau abzweigt.

III: Kunst, Wissenschaft und Sammlungen

Seite 19

Das geistige Leben der neugegründeten Stadt hatte den Hof zum Mittelpunkt. Karl Wilhelm war Pflanzenfreund und Blumenliebhaber; nicht weniger hatte er seine Freunde an allerlei Theateraufführungen. Er schickte seine Hofgärtner nach Afrika, um fremde Pflanzen und Tiere einzuführen; sein Blumengarten – der jetztige Schlossplatz – zählte nach den ausgegebenen Verzeichnissen an 10.000 Pflanzenarten, darunter vorwiegend Tulpen und andere Zwiebelgewächse, von denen 6.000 nach der Natur gemalt wurden. Die Gr. Hofbibliothek hat die Aquarellsammlung in Verwahrung und ein Teil derselben kam anlässlich der Gartenbauausstellung im Jahre 1892 den Besuchern zu Gesicht. Hier blühten in Europa zum erstenmale die Agave americana und der Tulpenbaum. Eine schöne Allee der letzteren führt vom Linkenheimerthor zum Wildparkthor. Die Nachfolger Karl Wilhelms pflegten die Gartenkunst in ihrem Sinn weiter. An Stelle der persönlichen Liebhaberei traten mehr praktische und wissenschaftliche Zwecke.

Seite 27

b. Die vereinigten Sammlungen (in der Erbprinzenstrasse, Friedrichsplatz 16) enthalten das Naturalienkabinett, die Sammlungen für Alterums- und Völkerkunde, die Waffen- und Münzsammlung, die Hof- und Landesbibliothek.

...

Seite 28

Die Sammlung für Alterums- und Völkerkunde nimmt den Raum unter dem Treppenhaus, den westlichen Flügel des untern Geschosses und einen Teil des darüber befindlichen Stockwerks ein. 1804 hatte Karl Friedrich in Baden-Baden ein Altertumsmuseum errichten lassen. 1844 gründete Hofmaler A. v. Bayer einen badischen Altertumsverein, worauf er 1853 zum Konservator der Altertümer und Kunstdenkmler des Landes bestellt wurde, und nun begann ein systematisches Zusammentragen, aus dem schliesslich der heutige Bestand hervorging. Seit 1875 entfaltet der derzeitige Konservator, Geheimrat Dr. Wagner, seine erspriessliche Thätigkeit. Nachfolgend eine kurze Uebersicht:

Seite 30

Während diese Zeilen geschrieben werden, trägt man sich mit dem Gedanken, einen Teil der Sammlung nach der technischen Hochschule überzuführen und den freiwerdenden Platz der Sammlung für Altertums- und Völkerkunde einzuräumen, die dann übersichtlicher und weniger gedrängt aufgestellt werden könnte.

Vorläufig finden sich noch in

Saal I. Fossilreste, nach Formationen geordnet; versteinerte Tiere und Pflanzen.
Saal II. Desgleichen.
Saal III. Mineralien, Kristallmodelle, Reliefkarten etc.
Saal IV. Desgleichen.

Vom Saal III führt eine Holztreppe in das 2. Geschoss:

Saal V. Zoologische Sammlung; ausgestopfte Säugetiere und Vögel. Damit in Verbindung zwei weitere Säle.
Saal VI (nach Norden). Conchilien, Fische, Kriechtiere, Insekten, Eier- und Nestersammlung etc.
Saal VII. Skelette und Geweihe.

Soweit der zweite Stock des Sammlungsgebäudes nicht in der bereits erwähnten Weise benützt ist, gehört er der Gr. Hof- und Landesbibliothek und dem Münzkabinett. Vorstand für beide ist Geh. Hofrat Dr. Brambach. Die von Markgraf Friedrich VI. angelegte Büchersammlung wurde zu Anfang des 18. Jahrhunderts nach Basel geflüchtet, 1765 zurückgebracht und 1767 öffentlich zugänglich gemacht. Durch den Erbanfall im Jahre 1771 stieg die Zahl der Bände von 10 000 auf 30 000. Die Landesvergrössserung zu Anfang des 19. Jahrhunderts brachte höchst wertvollen Zuwachs von Büchern und Handschriften aus Speyer, Mannheim und Meersburg, sowie aus den Klöstern St. Blasien, Salem, Gengenbach, Thennenbach, Ettenheimmünster etc. Der jetztige Bestand beziffert sich auf rund 150 000 Bände. Ausführliche Verzeichnisse, geordnete Ausleihgelegenheit und ein reichbestelltes Lesezimmer kommen der allgemeinen Nutzbarmachung auf das beste entgegen. Das Münzkabinett, ebenfalls von Friedrich VI. in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts angelegt, umfasst über 30 000 Nummern.

c. Das Kunstgewerbemuseum (Westendstr. 81; vergl. Abbildung 11) im Lichthofe der Gr. Kunstgewerbeschule wurde im Spätjahr 1890 eröffnet. Die Gründung erfolgte durch Direktor H. Götz mit Unterstützung des Badischen Kunstgewerbevereins, der Stadt Karlsruhe und opferwilliger Freunde der Sache, welche ganz erhebliche Mittel beisteuerten. Die Gr. Regierung und die Landstände waren zur Weiterführung des begonnenen Unternehmens bereit und so ist das Kunstgewerbemuseum heute eine staatliche Anstalt. Die begreiflicherweise noch nicht sehr umfangreiche Sammlung enthält immerhin viel Interessantes und Belehrendes, hauptsächlich auf dem Gebiete der Keramik und auf demjenigen der Textilkunst. Die Sammlungen Krauth-Frankfurt und Gimbel-Baden sind hervorragende Gruppen, an welche sich die übrigen Erwerbungen und Zuwendungen anschliessen. Inmitten der bleibenden Ausstellung werden von Zeit zu Zeit vorübergehende Sonderausstellungen veranstaltet. Neben dem bisherigen Gebäude wird zur Zeit ein Neubau für die Kunstgewerbeschule errichtet. Wenn der letztere bezogen sein wird, stehen dem Museum weitere Räume zur Verfügung, in denen es sich zweckentsprechend ausdehnen kann.

d. Zähringer-Museum und Gr. Privat-Kunstsammlung (im Gebäude des Geh. Kabinetts bei der Schlosskirche). Diese wertvolle und interessante Sammlung bietet im Kleinen ungefähr das, was das Hohenzollernmuseum in Berlin und das grüne Gewölbe in Dresden in grösserem Masse bieten.

V. Handel, Gewerbe und Verkehr

Seite 40

Um diese Dinge war es in der jungen Residenz ziemlich lange schlecht bestellt. Handel und Gewerbe beschränkten sich auf das unbedingt Nötige, auf den eigenen täglichen Bedarf. Ein wesentlicher Aufschwung machte sich erst geltend, nachdem sich der allgemeine Verkehr in Folge der Eisenbahnbauten gehoben hatte, also in der Zeit um das Jahr 1840.

Vorher war man auf den Rhein und die Landstrassen angewiesen. Der nächste Rheinhafen war Schröck (das jetzige Leopoldshafen) und von dort aus ging der Speditions- und Kolonialwarenhandel über Karlsruhe in das Oberland, nach Württemberg etc.; eine der ältesten Firmen am Platze war Meerwein & Cie. Im Jahre 1800 traten an Stelle der Jahrmärkte die noch jetzt besteehnden zwei Messen. 1817 wurde eine städtische Mehlhalle mit Mehlmarkt eingerichtet. 1824 wurde das erste in Baden gewonnene Salz verkauft. Einer der ältesten Fabrikbetriebe war das Griesbach'sche Tabakgeschäft mit etwa 50 Arbeitern (1802). Eine von Leibmedicus Schrickel 1806 im Promenadewäldchen errichtete Glasfabrik wurde bald von hier verlegt. 1810 wurde eine Tapetenfabrik gegründet; 1813 sind ferner vorhanden eine Chaisenfabrik, eine Tuchfabrik, eine Bijouterie- und eine Spielkartenfabrik. Im gleichen Jahr wir eine Handelsstube in's Leben gerufen, die sich von 1820 an Handelskammer nennt (die jetzige gleichnamige Einrichtung stammt aus dem Jahr 1863). 1831 bildet sich dernoch heute bestehende Gewerbeverein. 1836 tritt die Kessler'sche Maschinenfabrik in's Leben (jetzt Maschinenbaugesellschaft) u. s. w.

Auch heute, bei vollständig veränderten Verhältnissen, kann sich Karlsruhe in Bezug auf Handel und Industrie mit

Seite 41

der zweiten Hauptstadt des Landes nicht messen. Die günstige Lage Mannheims am Rheine und am Neckar ist ein gewaltiger Vorsprung. Das hat man in Karlsruhe schon frühzeitig begriffen und an Versuchen, die Stadt durch einen Kanal mit dem Rhein zu verbinden, hat es nicht gefehlt. Das 1818 besonders lebhaft beratene Unternehmen ist aber erst in den allerletzten Jahren der Verwirklichung nahe gebracht worden. Inzwischen hat die städtische Verwaltung mit der von ihr 1861/62 gebauten Maxaubahn ein gutes Geschäft gemacht und ganz erhebliche Einkünfte erzielt. Diese Einkünfte mussten sich aber verringern in Folge des Baues der strategischen Bahn nach Röschwoog. Gewissermaßen zum Ausgleich und weil dasHinterland an einem Karlsruher Hafen auch interessiert ist, teilt sich der Staat mit der Stadt in die Kosten der Kanal- und Hafenanlage. Wie weit diese, wenn erst fertiggestellt, den Aufschwung der Residenz fördern helfen wird, kann nur die Zukunft lehren. DerWeiterentwicklung ist einigermassen vorgearbeitet durch die im letzten Jahrzehnt erfolgte Anlage zweier grösserer Güterbahnhöfe. Der eine, der Rangierbahnhof am Durlacher Wald zwischen dem Wasserwerk und Gottesaue hat mit seinen Lagerplätzen die ungefähre Länge von 2 km bei einer Breite von 200 m. Der andere, der Westbahnhof im Bannwaldgebiet ist vorläufig wesentlich kleiner, hat aber zweifellos in der Nähe des neuen Hafens seine Zukunft. Beide liegen am Südrande der städtischen Gemarkung in der Nähe vorhandener und entstehender Industriegebiete und die sie verbindende Bahnlinie bildet zunächst die Südgrenze der baulichen Stadtentwicklung.

Heute schon ist die Zahl der Handelsgeschäfte aller Art eine ganz bedeutende; ein Gang durch die Kaiserstrasse mit ihren hübschen Läden zeigt dies zur Genüge. Aber auch die Fabrikbetriebe haben sich in grossstädtischer Weise vermehrt. Über 1000 Arbeiter beschäftigen: die Eisenbahnhauptwerkstätte

Seite 42

(Wielandtstrasse), sowie die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik (Gartenstr. 67). Zwischen 1000 und 100 Arbeiter beschäftigen: die Maschinenbaugesellschaft (Beiertheimer Allee 10), die Nähmaschinen- u. Ofenfabrik von Junker & Ruh (Sofienstr. 61/65), die Nähmaschinenfabrik Karlsruhe (vormals Haid & Neu, Karl-Wilhelmstr. 26), die Cementwarenfabrik von Dyckerhoff & Widmann (Wielandstr. 25), die Eisenbahnbetriebswerkstätte (Bahnhofstrasse), die Möbelfabrik der Gebrüder Himmelheber (Kriegstr. 25), die Bauschreinerei von Billing & Zoller (Wilhelmstr. 9), die Waggonfabrik von Schmieder & Mayer (Beiertheimer Allee 12), das Artilleriedepot, das städtische Gaswerk (Kaiserallee 11), die Parfumerie- und Toiletteseifenfabrik von F. Wolff & Sohn (Durlacher Allee 31), die Eisengiesserei von Seneca (Falterstr. 2), die Chr. Fr. Müller'sche Hofbuchhandlung, Buch- und Steindruckerei (Ritterstr. 1), die Zigarrenfabrik von W. rieger & Cie. (Rüppurrerstr. 54), die Fabrik versilberter Waren von Christophle & Cie. (Ettlingerstr. 23), die Glacelederfabrik Mühlburg (vorlams R. Ellstätter, Lameystr. 2), die Marmor-, Granit- und Syenitwarenfabrik von Rupp & Möller (Durlacher Allee 29), die Karlsruher Werkzeug - Maschinenfabrik (vormals Gschwindt &Cie., Ritterstr. 17), die Färberei und chemische Waschanstalt von Ed. Printz (Ettlingerstr. 67) u.s.w. Ausser den kleinen Betrieben auf den vorgenannten Gebieten sind noch vorhanden eine Hadernsortieranstalt, Fabriken für Tapeten, Baubeschläge, Blechhüllen, künstlicheBlumen, Christbaumschmuck, Dachpappe, Dünger, elektrische Apparate, Essig und Senf, Herde und Kassenschränke, Knöpfe, Kanalartikel, Kartonagen, Konserven, Malz, Mineralwasser und Maschinen zu dessen Erzeugung, Pauspapier, Parketten und Leisten, Schirme, Schlösser, Wagen etc.

Von den 12 vorhandenen Brauereien arbeiten die meisten mit Grossbetrieb und ganz erheblicher Leistungsfähigkeit

Seite 43

(A. Printz, K. Schrempp, S. Moninger, Fr. Höpfner, v. Seldeneck etc.). Die neuzeitliche Bauthätigkeit bedingt selbstredend eine stattliche Zahl aller Art von Baugeschäften und auf kunstgewerblichen Gebiet sind zu nennen die Möbelfabriken von Himmelheber, Kriegstr. 25, Distelhorst, Waldstr. 32, Reutlinger & Cie., Kaiserstr. 167, Gehrig, Belfortstr. 14, Vereinigte Schreiner, Amalienstr. 31, die Schlossereien von Blum, Fütterer, Hammer, Kiby, Lang, Nagel & Weber, Oberföll etc., die Dekorationsmalergeschäfte von Brasch, Fröschle, Holst, Schurth etc., die Glasmalerei von Drinneberg, die Thonofenfabriken von Geisendörfer, Haag, Fr. Mayer etc., die Intarsienschneiderei von Maybach, die Bildhauergeschäfte von Binz, Funke, Meyerhuber, Nussberger etc., die Elfenbeinschnitzerei von Stüber, die Galvanisieranstalten von Krauth & Pilckmann, die Juweliergeschäfte von Bertsch, Netter, Paar, Petry, Reudter etc., die Gravieranstalten von Klett, Mayer, Trefzger etc., die Bronce- und Messinggiesserei von Dölling & Wunder, die Stickereigeschäfte von Heilig,Kindler, Vieser etc., die Lichtdruckanstalten von Bäckmann, Schober, etc., die photographischen Anstalten von Mayer, Morat, Schuhmann, Such etc., die Kunstdruckerei von Döring, die lithographischen Anstalten von Geissendörfer, Glockner, Gutsch, Müller etc., die Kunsthandlungen von Velten (Kaiserstr. 199a und Büchle (Kaiserstr. 149); die kunstgewerblichen Magazine von Blos(Kaiserstr. 104), Mayer & Cie. (Rondellplatz), Winter & Sohn (Kaiserstr. 147).

Auf dem Gebiete des Verlagshandels, des Buchdruckes und des Buchhandels war Karlsruhe schon frühzeitig auf der Höhe der Zeit. Heute sind 12 Verlagshandlungen und ebensoviele Buch- und Musikalienhandlungen vorhanden, während 36 Druckereien bestehen, aus denen u.a. 31 verschiedene Tagesblätter und Zeitschriften hervorgehen.

Seite 44

Karlsruhe zählt 21 Bank- und Wechselgeschäfte, 45 Warenagenturen, 26 En gros- und einige hundert Detailgeschäfte, 65 Gasthöfe, 206 Wirtschaften, 28 Kaffeehäuser, rund 4000 Wohngebäude mit 18 000 Haushaltungen. Das Geemindevermögen beträgt 15 Millionen, die jährlichen Ausgaben und Einnahmen der städtischen Verwaltung gleichen sich mit rund 6 Millionen aus; das Grund-, Häuser- und Gefällsteuerkapital wird mit 88, das Gewerbesteuerkapital mit 53, das Kapitalrentensteuerkapital mit 237 Millionen Mark angegeben (1896). Im gleichen Jahr wurden an den Karlsruher Bahnhöfen 1 226 284 Fahrkarten und 12 126 Kilometerhefte gelöst; die Zahl der ein- und ausgegangenen Briefe beträgt 15 634 944, die der Telegramme 266 919. Die vereinigten Mühlburger und Durlacher Pferde- und Dampfbahngesellschaft hat 2 856 784, die Lokalbahn Durmersheim – Spöck 1 231 333 Personen befördert.

VII. Das Militär

Seite 46

Die militärische Bevölkerung beträgt rund 4500 Mann. Es liegen in Karlsruhe folgende 3 Regimenter:

1. Badisches Leibgrenadierregiment Nr. 109
1. Badisches Leibdragonerregiment Nr. 20
1. Badisches Feldartillerieregiment Nr. 14

Seite 47

Karlsruhe ist der Sitz der Armee-Inspektion V (14. und 15. Armeekorps), des Generalkommandos der 14. Armeekorps, der Kommandantur, des Kommando der 28. Division, des Kommando der 55. Infanteriebrigade, des Kommando der 28. Kavalleriebrigade, das Kommando der 14. Feldartilleriebrigade; des Corps-Kommando der Gendarmerie, des Kommando des 3. Gendarmeriedistrikts, der Linienkommission F, sowie zahlreicher anderer militärischer Dienststellen.

IX. Durch und um die Stadt.

Die von a. bis g. beschriebenen Gänge sind derart eingerichtet, dass jeder folgende da beginnt, wo der vorhergehende endigt.

a. Vom Hauptbahnhof zum Schloss.

Seite 50

Der Hauptbahnhof, dessen Höherlegung oder Verlegung angestrebt wird und nur eine Frage der Zeit sein dürfte, ist 1842 von Eisenlohr erbaut und seitdem mehrfach verändert und vergrössert worden. Die Ansichten von Freiburg und Heidelberg im Wartesaal II. Klasse sind von den Malern Lugo und Hesse; die figürlich allegorischen Darstellungen in der davorliegenden Restauration, welche ursprünglich offene Vorhalle war, hat der Maller Brünner ausgeführt, während die Landschaften von A. Hörter gemalt sind.

Wer den Bahnhof durch den Haupteingang verlässt, der hat das Schienengeleise der Strassendampfbahn Spöck-Durmersheim

Seite 51

c. Durch die Kaiserstrasse.

Seite 61

Seite 63

… Die breite Karlstrasse, welche an der Reichspost die Kaiserstrasse quer durchschneidet, führt rechts auf den Ludwigsplatz (Wochenmarkt: Montags, Mittwochs und Freitags) und zum Karlsthor, links zur Münze (Weinbrenner 1827) vorüber am Café Tannhäuser und am schönsten und reichsten Privathaus der Stadt. Es ist das von Durm erbaute Palais Schmieder, Ecke der Karl- und Akademiestrasse, mit Bildhauerarbeiten von A. Heer, vergl. Abbildung 7. Bemerkenswerte Häuser der Kaiserstrasse bis zur nächsten Strassenkreuzung sind rechts Nr. 215 (ehemaliger »Deutscher Hof«, Arch. Keck) und links Nr. 124 (ehemalige Hofapotheke, Ziegler). Auf der selben Seite liegen auch die Brauerei Moninger mit hübschen Sälen (Nr. 142) und das Friedrichsbad mit Schwimmhalle (Nr. 136).

Das linke stumpfe Eck von Kaiser- und Waldstrasse ist der Eingang von Ziegler erbauten Kaiserpassage; sie bildet die gedeckte Verbindung mit der Akademiestrasse und enthält Läden und Wirtschaften. Links in die Waldstrasse einbiegend, gelangt man zur Brauerei Schrempp (Waldstr. 16) mit grossen Sälen, Colosseum, Lokal der Gesellschaft »Bärenzwinger« etc.; rechts einbiegend kommt man am gotischen Brunnen des Ludwigsplatzes vorüber zum Krokodil (Waldstr. 63) mit Wein- und Münchner-Bierstube, mit Künstlervereinslokal etc. …

d. Das Ostend.

Seite 66

...

Seite 68

...

Durch die Kapellenstrasse läuft das Geleise der Strassendampfbahn Spöck-Durmersheim und in ihr liegt auch der betreffende Lokalbahnhof. Den Namen hat die Strasse von der von Eisenlohr gebauten Kapelle des alten Friedhofes. Derselbe ist ausser Gebrauch gesetzt und in seinen Anlagen sind nur wenige Denkmäler stehen geblieben, so das gotische, mit dem Erzengel Michael gekrönte Grabmal der 1849 gegen die Revolutionäre gefallenen Preussen, das gemeinsame Denkmal der beim Theaterbrand 1847 umgekommenen Personen etc. Überschreitet man beim Preussendenkmal die Ostendstrasse, so gelangt man auf den gegenüberliegenden erweiterten Friedhof aus dem Anfang der sechsziger Jahre, auf dem u. a. die 1870/71 in Karlsruhe verstorbenen Soldaten ruhen. Freund und Feind liegen hier stillvereint; ein grosses Granitkreuz ist ihr gemeinsames Erinnerungsmal.

In der südlichen Ecke, an die Kriegsstrasse grenzend, schliesst sich der neue israelitische Friedhof an, während der alte am Rüppurrerthor gelegen ist, wo Kriegs- und Steinstrasse zusammentreffen. (Da dieser ein Verkehrshindernis bildet so wird er über kurze Zeit nach langen Verhandlungen einem öffentlichen Platze weichen.)

Vom Lokalbahnhof dem Strassengleise folgend, endigt die Kapellenstrasse nach kurzer Biegung an der Kriegsstrasse gegenüber der Güterhalle und mit wenigen Schritten ist der Bahnübergang erreicht, an welchem die Rüppurrerstrasse beginnt. Hier steht an der Stelle des ehemaligen Gasthofes »Zum grünen Hof« ein neues Hotel mit demselben Namen, dem das Restaurant Grünwald vorgebaut ist, während anderseits desselben die Gebäude des Postamtes II liegen.

Lizenz

Der Ursprungstext unterliegt nicht mehr dem Urheberrecht, der Rohtext kann daher ohne Rückfrage übernommen werden, wird der Text aufbereitet übernommen, bitte die Nennung der Quelle nicht vergessen.

Persönliche Werkzeuge