Franz Simon Meyer

Aus dem Stadtwiki Karlsruhe:
Wechseln zu: Navigation, Suche
Diesem Artikel fehlen Bilder. Wenn Sie Zugang zu passenden Bildern haben, deren Lizenzbedingungen es erlauben, sie im Stadtwiki zu verwenden, dann laden Sie sie doch bitte hoch.

Franz Simon Meyer (1799–1871) war ein Handelsmann und Bankier aus Rastatt, der 1830 die erste Bank in Baden-Baden eröffnete. Er verfasste zwischen 1816 und 1871 ein „Tag- und Familienbuch“, welches etwa 1.500 Manuskriptseiten umfasst und hinterließ damit der Nachwelt eine herausragende Quelle zur Kultur-, Alltags-, und Wirtschaftsgeschichte sowie zur Regionalgeschichte Mittelbadens im 19. Jahrhundert.

Leben

Seine Familie väterlicherseits stammte aus der Ortschaft Eisental, welche heute zu Bühl bei Baden-Baden gehört. Sein Großvater, Franz Simon Meyer, verließ den Ort, um in Steinbach und Achern in die Handelslehre zu gehen. Anschließend ließ er sich in Rastatt nieder, heiratete und eröffnete ein Geschäft. Sein ältester Sohn – Joseph Meyer – heiratete 1797 die gebürtige Freiburgerin und Kaufmannstochter Margarethe Kapferer.

Im Dezember 1799 wurde Franz Simon Meyer als einzig überlebendes Kind seiner Eltern geboren. Zunächst wurde er von seiner Mutter und mit Unterstützung eines Hauslehrers zu Hause unterrichtet, im Anschluss besuchte er die städtische Schule „auf dem Rathause“ und das Lyzeum in Rastatt. Schon früh begann Franz Meyer im väterlichen Geschäft zu arbeiten. Bereits mit 14 Jahren besuchte er das erste Mal gemeinsam mit seinem Vater eine der wichtigsten Handelsmessen in Frankfurt am Main.

Nach der Flucht Napoleons von Elba und der Zuspitzung der politischen Lage entschloss sich der Vater 1815, seinen einzigen Sohn in ein Schweizer Pensionat in Saint Blaise zu schicken – im Kanton Neuenburg am Neuenburgersee gelegen. Dort sollte Franz Meyer vor allem die französische Sprache erlernen und sein kaufmännisches Wissen vertiefen, um erfolgreich in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters treten zu können. Nach seiner Rückkehr 1817 arbeitete er im väterlichen Geschäft, welches er später übernahm, ausbaute und diversifizierte. Um sich fortzubilden unternahm Meyer eine Bildungsreise nach Paris (1820/21), dort arbeitete er bei Schlumberger et Javal frères. Im Anschluss bereiste er London und Nordengland.

Um 1830/31 gründete er die erste Bank in Baden-Baden, zunächst in einem Zimmer des Luxushotels Badischer Hof, ab 1853 im eigenen Haus in bester Lage. Dort wurde er zu einem der wichtigsten Kreditgeber – unter anderem für Jean Jacqes Bénazet und das Casino Baden-Baden – und trug damit entscheidend dazu bei, dass Baden-Baden zu der wichtigen Kurstadt werden konnte, zu der sie sich zunehmend entwickelte.

Meyer heiratete zweimal – seine erste Frau Fanny Meyer (1807–1836) starb bereits 1836 nach 7 Jahren Ehe – und bekam insgesamt 9 Kinder, 7 davon mit seiner zweiten Frau Clementine Müller (1817–1876). Zeit seines Lebens litt Franz Simon Meyer unter schweren Depressionen, die ihn teils monate- oder gar jahrelang nicht losließen. 1853 begründete er das „Meyer-Margarethen-Kinderheim“ in Rastatt.

Meyers Tag- und Familienbuch als historische Quelle

Franz Simon Meyer schrieb zwischen 1816 und 1871 einmal jährlich nieder, was ihn in den vorangegangenen zwölf Monaten privat, geschäftlich und politisch bewegt hatte. So entstanden nach und nach zwei großformatige Bücher mit insgesamt rund 1.500 Seiten, angereichert durch zahlreiche Beilagen: Briefe, Zeitungsausschnitte, Gedichte, Druckschriften, Kupferstiche, Zeichnungen und Aquarelle. Meyers Bücher stellen somit eine einzigartigen Quelle zur Kultur-, Alltags-, und Wirtschaftsgeschichte sowie zur Regionalgeschichte Mittelbadens im 19. Jahrhundert dar, in der sich einzelne Prozesse in der "longue durée" verfolgen lassen. In ausführlichen Reiseberichten hielt Meyer die Reisen und Auslandsaufenthalte in seiner Jugend in der Schweiz, Mailand, Paris, London und Nordengland fest, außerdem verfasste er eine detaillierte Geschichte seiner Familie im 18. Jahrhundert, in der sich besonders die turbulenten Auswirkungen der Napoleonischen Kriege auf die Stadt Rastatt und die Region Mittelbaden verfolgen lassen. In seinen zwischen 1822 und 1871 verfassten Jahresberichten ging er stets auf das Wetter und die Ernte des zurückliegenden Jahres in Mittelbaden ein, schilderte wichtige politische Ereignisse auf lokaler, regionaler, "nationaler" und internationaler Ebene, beschrieb die Entwicklung seines Handelshauses in Rastatt und seiner Bank in Baden-Baden, wichtige Vorkommnisse in beiden Städten sowie schließlich sein Familienleben.

Besonders detailreich schilderte Meyer in seinen Jahrbüchern die Badische Revolution und vor allem die Belagerung Rastatts sowie die anschließende preußische Besatzung der Stadt in den Jahren 1848/49.

Heute werden die Aufzeichnungen Franz Simon Meyers im Stadtarchiv Baden-Baden verwahrt. Nachdem Wolfgang Reiß im Heimatbuch Landkreis Rastatt 1991 und 1992 Auszüge aus Meyers Aufzeichnungen über die Badische Revolution publiziert hat, gibt derzeit Sebastian Diziol die gesamten Bücher Meyers in einer ungekürzten, opulenten dreibändigen Edition unter dem Titel "Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens" heraus. Band 1 über die Jahre 1816 bis 1828 erschien unter dem Titel „Die Jugendjahre des Franz Simon Meyer” [1] im Herbst 2016, der zweite Band über die Jahre 1829 bis 1849 unter dem Titel „Franz Simon Meyer in Zeiten der Revolution“ [2] im Herbst 2017.

Werke

  • Tag- und Familienbuch. Stadtarchiv Baden-Baden, D9/1 und D9/2.
  • Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens. Bd. 1, 1816–1828. Die Jugendjahre des Franz Simon Meyer. Herausgegeben von Sebastian Diziol. Solivagus Praeteritum, Kiel 2016, ISBN 978-3-9817079-3-9. [3]
  • Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens. Bd. 2, 1829–1849. Franz Simon Meyer in Zeiten der Revolution. Herausgegeben von Sebastian Diziol. Solivagus Praeteritum, Kiel 2017, ISBN 978-3-9817079-6-0. [4]

Literatur

  • Rainer Wollenschneider: Die „Tagebücher“ des Franz Simon Meyer (1799-1871), in: Badische Heimat 80 (2000) H. 2, S. 180-181.
  • Margot Fuß: Jeanette Lom auf der Amalienburg, in: Die Ortenau. Veröffentlichungen des Historischen Vereins für Mittelbaden 45 (1965), S. 272-286.
  • Zum Teil veröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen des Franz Simon Meyer (1799–1871), in: Heimatbuch Landkreis Rastatt (1991), S. 87-111; (1992) S. 93-120 mit einem Vorwort von Wolfgang Reiß.
  • Patricia Reister: Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung im Landkreis und der Stadt Rastatt (Beiträge zur Stadtgeschichte, Bd. 6), Rastatt 2017.
  • Sebastian Diziol "Baden war außerordentlich glänzend und meine Geschäfte daselbst von großer Bedeutung." Die Jahrbücher des Privatbankiers Franz Simon Meyer (1799-1871). In: Bank und Geschichte. Historische Rundschau 35 (Oktober 2016). [5]