Brauerei Sinner

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Sinner 1.jpg

Die Brauerei Sinner war ein Unternehmenszweig des international operierenden Nahrungsmittelkonzerns Sinner, der seinen Sitz in Grünwinkel hatte und ursprünglich aus dem ehemaligen Hofgut der Markgräfin Sybilla Augusta von Baden hervorgegangen war. Die Brauerei selbst befand sich ebenfalls auf dem Firmengelände in Grünwinkel und gehörte zu den größten Brauereien Badens.

Geschichte

Ausschnitt von einem Bierdeckel

Eine erste Brauerei, sowie eine Pottaschen-, Salpeter- und Essigfabrik ist auf dem Markgräflichen Gutshof Grünwinkel bereits in den 1770er Jahren nachgewiesen. Er befand sich in unmittelbarer Nähe des schon seit dem 16. Jahrhundert bestehenden Herrschaftlichen Wirtshauses. Mit dessen Erwerb durch Rentkammerrat Jakob Friedrich Reinhard im Jahre 1788 erhielt das Gasthaus die Schildgerechtigkeit Zum Badischen Hof. Jakob Friedrich Reinhard gilt damit auch als erster bekannter Inhaber der genannten Brauerei und Essigsiederei, die er allerdings kurze Zeit später mitsamt der Wirtschaft wieder verpachtete. Neben Frucht-, Bier- und Branntweinessig wurde auch Stärke hergestellt. Die Bierbrauerei bezog Hopfen aus Böhmen.

Als Besitzer werden später der Obrist von Beck und ab 1798 die Fabrikanten Böhringer und Finkenstein genannt. 1803 wurde Major von Hornig neuer Eigentümer des Hofes samt Brauerei, Branntweinbrennerei, Puderfabrik und dem Gasthaus Badischer Hof. Hornig baute die Fabriken weiter aus und verkaufte das Unternehmen 1811 schließlich an den Handelsmann Karl Maier. 1814 fielen Brauerei und Essigsiederei einem Brand zum Opfer, wurden jedoch im gleichen Jahr wieder aufgebaut. 1817 zerstörte ein erneuter Brand das gesamte Anwesen mit Brauerei, Weinbrennerei und Siederei. Mit Hilfe der Branntschutzkasse konnte auch jetzt ein sofortiger Wiederaufbau erfolgen. In den Akten wird dabei auch ein Brauereigebäude an der Alb erwähnt, bei dem es sich vermutlich um den 1805 erbauten Eiskeller handelt, der als ältester bekannter Eiskeller Karlsruhes gilt und heute noch an der Straße Auf den Eiswiesen existiert.

1820 ging das ehemalige Hofgut in den Besitz des Staatsrats Wilhelm Reinhard († 1858) über, der die Fabrikgebäude noch im selben Jahr an den aus Waldshut stammenden Chemiker Anton Sinner (1786–1861) verpachtete. Dieser richtete neben den bereits bestehenden Fabrikgebäuden auch eine Farbenfabrik ein, die er jedoch nach kurzer Zeit wieder aufgeben musste. Auch der Brauereibetrieb wurde eingestellt, so dass Sinner schließlich nur noch Essigsiederei und Bleizuckerfabrikation (Bleiazetat, zur Farbstoffgewinnung und als Süßungsmittel) weiterbetrieb. 1832 verkaufte Reinhard an Obriststallmeister Wilhelm Freiherr von Seldeneck (1796-1874, vgl. Seldeneck'sche Brauerei) ein zweistöckiges Brauereigebäude. Ob es sich dabei um die ehemalige Brauerei von Anton Sinner handelte oder etwa den Bierkeller an der Alb, ist nicht bekannt.

Ab 1845 übernahm Anton Sinners Sohn Georg Sinner (1823–1883) die Leitung der Fabrikation. Er erwarb 1849 das ehemalige Hofgut käuflich für 27.000 Gulden und führte das Unternehmen in der folgenden Zeit als Offene Handelsgesellschaft zu einem rasanten Aufschwung. Er gab die Bleizuckerverarbeitung auf und richtete stattdessen 1857 eine Stärkemittelfabrik ein. Mitte der 1860er Jahre erweiterte er den Betrieb um eine Presshefefabrik und eine neue Brauerei. Im Laufe des 19. Jahrhunderts stieg Sinner zum größten Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie in der Region auf und bot den Bewohnern des Ortes, die zuvor über das Bulacher und das Beiertheimer Feld zu Fuß zur Arbeit gehen mussten, Arbeitsplätze. Ende des 19. Jahrhunderts waren bei Sinner insgesamt 294 Menschen beschäftigt und 30% aller Arbeitnehmer Grünwinkels.

Nach dem Tod seines Vaters 1883 übernahm Robert Sinner (1850–1932) das Unternehmen in der Durmersheimer Straße 55 und wandelte es 1885 in eine Aktiengesellschaft mit dem Namen Gesellschaft für Brauerei, Spiritus- und Preßhefefabrikation vorm. G. Sinner AG um (ab 1920 nur noch Sinner AG). Als Generaldirektor führte Robert Sinner die Firma jedoch faktisch wie einen Familienbetrieb weiter. Dieser expandierte in den Folgejahren besonders auf dem Sektor Preßhefe und Spiritus, jedoch ab 1911 auch in anderen Nahrungsmittelbereichen. Durch die Gründung zahlreicher neuer Produktionsstätten auch außerhalb von Grünwinkel baute Robert Sinner das Unternehmen zu einem auf wirtschaftliche Autarkie ausgerichteten und europaweit operierenden Lebensmittelkonzern aus. Eine eigene Reederei, eine Großmühle (erbaut 1891-1893 von Gottfried Zinser) mit Lagerhaus im Rheinhafen, sowie ein großes Getreidesilo (erbaut 1910/’11) stellten unter anderem eine unabhängige Rohstoffversorgung sicher. Schon um die Jahrhundertwende war Sinner größter deutscher Spiritusproduzent. Für die Sinner-Produkte wurden in Frankfurt a.M., München, Pforzheim, Mannheim, Stuttgart und Saarbrücken eigene Verkaufsfilialen gegründet. Bekannt sind insgesamt folgende Unternehmenszweige:

  • Preßhefefabriken und Spiritusbrennereien: Grünwinkel, Durmersheim, Mannheim-Käfertal (1888-1906), Luban b. Posen (ab 1904), Groß-Masow/Pommern, Angenstein/Schweiz, Sesto San Giovanni b. Mailand/Italien (ab 1913).
  • Brauerei: Grünwinkel.
  • Melassebrennereien: Grünwinkel, Neuhaldensleben b. Magdeburg.
  • Spiritusraffinerien: Stettin, Danzig-Neufahrwasser (beide ab 1897).
  • Nährmittelfabriken: Grünwinkel, Neuhaldensleben b. Magdeburg, Ludwigshafen.
  • Sonstige Nahrungsmittelzweige in Grünwinkel: Marmelade, Protol (Glyzerin-Grundstoff), Futterhefe, Speisenwürze, Haferflocken, Stärke.

Auch der Brauerei- und Getränkesektor florierte. 1922 wurde am Standort Grünwinkel eine Flaschenfabrik errichtet. Eine eigene Druckerei übernahm dabei den Etikettendruck. Der Bierausstoß erreichte bis zum Ersten Weltkrieg 100.000 hl. 1912 übernahm Sinner die Brauerei Wilhelm Fels, 1918 die Aktienbrauerei Altenburg in Sinzheim, und 1920 schließlich die Mühlburger Brauerei AG. Die Sinner AG gehörte nun zu den größten Brauereien der Region.

Obwohl der Erste Weltkrieg dem Unternehmen starke Verluste beschert hatte, zählte die Sinner AG im Jahr 1920 1.400 Beschäftigte und verzeichnete einen Umsatz von 30 Millionen Mark. Robert Sinner stand dem Unternehmen noch bis zu seinem Tod 1932 als Generaldirektor vor. Danach trat sein Sohn Rudolf Sinner an die Spitze der Sinner AG.

Dieser hatte zunächst mit den Folgen des Weltwirtschaftskrise, dann mit der Abwärtsentwicklung durch den Zweiten Weltkrieg zu kämpfen. Personal und Rohstoffe wurden knapp, die Fabrikanlagen durch Luftangriffe 1941 und 1944 beschädigt und teilweise sogar zerstört. Ab dem 4. April 1945 ruhte die Produktion aufgrund der Besetzung durch die französischen Truppen. Nach zehn Tagen konnte die Hefeproduktion jedoch wieder aufgenommen werden.

Den neuerlichen Aufschwung nach dem Ende des Krieges konnte Rudolf Sinner nur noch ansatzweise miterleben, denn er starb am 24. Juni 1950. Neuer Vorstandsvorsitzender wurde Heinz von Rotteck. Die Familie Sinner blieb jedoch weiterhin im Vorstand vertreten - 1952 wurde Robert Sinner, 1964 Dr. Rudolf Sinner aufgenommen. Anfang der 1950er Jahre wurden folgende Nahrungsmittel produziert: Presshefe, Rohbranntwein, Bier, Mineralwasser und Limonade, Liköre sowie andere Spirituosen, Pudding-, Eis-, Creme- und Backpulver sowie Vanillinzucker. 1967 wurde die Marke „Sinner Edelpils” eingeführt. Hauptausschank der Brauerei Sinner wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Kühle Krug.

Trotz ihrer Größe führten die Konzentrationsprozesse in der Brauindustrie 1972 zur Übernahme der Sinner AG durch die Moninger AG. Diese übernahm am 12. Januar 1973 auch die Firmenleitung und entließ die Vorstände Heinz von Rotteck und Dr. Rudolf Sinner. 1974 wurde die Produktion der Sinner AG eingestellt und am 1. Januar 1975 das gesamte Betriebspersonal von der Moninger AG übernommen - darunter auch Robert Sinner. Mit ihm schied am 31. Dezember 1976 der letzte Nachkomme des Firmengründers aus dem Unternehmen aus. Die Sinner AG selbst wurde nicht aufgelöst, sondern existiert neben der Moninger AG bis heute als Immobiliengesellschaft ohne eigenes Personal.

Das Firmengelände in Grünwinkel wurde ab 1982 mit einem neu erbauten Brauhaus zum neuen Firmenstandort der Moninger AG. Einige der Gebäude aus der Sinner-Zeit, wie z.B. das markante ehemalige Silogebäude und das große rote Mühlengebäude, sind noch heute erhalten und genutzt und werden von der Sinner AG vermietet. Sogar das ehemalige Herrschaftshaus des Hofguts der Markgräfin Sybilla Augusta von Baden - später Verwaltungsgebäude der Firma Sinner - steht noch heute. Bis zum Umzug in den Neubau 2008 diente es als Verwaltungsgebäude der Brauerei Moninger. Es gibt Hinweise darauf, dass das Gebäude nicht nur das Wohnhaus des ehemaligen Hofguts, sondern auch das anfänglich erwähnte ehemalige Herrschaftliche Wirtshaus beherbergte oder zumindest auf dessen Fundament erbaut wurde. Dies steht allerdings in gewissem Widerspruch zu der Tatsache, dass sich das ehemalige Gasthaus Zum Badischen Hof einst in dem Gebäude des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Betriebs-Casinos der Firma Sinner befunden hatte. Etwas unscheinbarer ist die benachbarte Sinner-Villa am Südwestende des Areals, die vermutlich um 1900 entstanden ist. Die ebenfalls noch zum Teil erhaltene Faßschwenkhalle (erbaut 1889-1890) bildet heute die Eingangsfront zur so genannten Abfüllhalle, die von der Brauerei Moninger für Veranstaltungen genutzt wird.

Bilder

Standort

Letzte Adresse der Brauerei (1972)
Sinner AG
Karlsruhe-Grünwinkel,
Durmersheimer Str. 57-59

Quellen

  • Heinz Schmitt, Ernst Otto Bräunche (Hrsg): Hopfen und Malz – Die Geschichte des Brauwesens in Karlsruhe. Karlsruhe 1998, Band 19 der Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs, Badenia Verlag, ISBN 3-7617-0323-6
  • Wegweiser für die Großherzogliche Residenzstadt Karlsruhe, heute „Adressbuch der Stadt Karlsruhe“, Ausgaben ab 1818, Verlag G. Braun – verfügbar im Lesesaal der Badischen Landesbibliothek
  • Historisches Brauereiverzeichnis Deutschland. Herausgeber: IBV – Internationaler Brauereikultur-Verband e.V., Ausgabe 2005.
  • Brauwesen-Historisch – Das große historische Brauereiverzeichnis : www.brauwesen-historisch.de/Uebersicht.html
  • Manfred Koch (Hrsg): Karlsruher Chronik. Karlsruhe 1992, Band 14 der Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs, Badenia-Verlag, ISBN 3-7617-0260-4
  • Horst F. Pampel: Karlsruhe – Zwischen den Zeilen der Chronik. Ohne Herausgabejahr und Bestellnummer.
  • Horst F. Pampel: Karlsruhe – 275 Jahre Perspektiven, Perioden und Persönlichkeiten. Ohne Herausgabejahr und Bestellnummer.
  • Annette Ludwig, Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Hrsg): Karlsruhe – Architektur im Blick – Ein Querschnitt. Karlsruhe 2005, Röser Verlag, ISBN 3-9805361-2-2
  • Zum 50jährigen Geschäfts-Jubiläum der Brauerei A. Printz in Karlsruhe : 1850 - 1900, Karlsruhe : Gutsch, 1901. Ohne Herausgabejahr und Bestellnummer.
"Grünwinkel und seine Umgebung" 
"Ein Heimatbuch für Jung und Alt" von Benedikt Schwarz, Verlag der Sinner AG Karlsruhe-Grünwinkel, 1925
"Grünwinkel - Gutshof-Gemeinde-Stadtteil" 
Herausgeber: Manfred Fellhauer, Manfred Koch u. Gerhard Strack, Info-Verlag Karlsruhe, 2009, ISBN 978-3-88190-539-8
"Industrie-Architektur in Karlsruhe" 
"Beiträge zur Industrie- und Baugeschichte der ehemaligen badischen Haupt- und Residenzstadt bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges" von Rainer Beck, Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs / hrsg. von der Stadt Karlsruhe ; 6), 2. überarbeitete Auflage, ISBN 3-7650-0402-2, Verlag Braun, 1993
Website der Sinner AG 
http://www.sinnerag.de